Besseres Mikrobiom in der Steinzeit


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Teil 1: Das Wichtigste in Kürze

Was haben Forscher untersucht?

  • Sie haben den Darm der Hadza in Tansania extrem tief sequenziert.
  • Die Hadza leben noch als Jäger und Sammler.
  • Zum Vergleich dienten Proben aus Nepal und Kalifornien.
  • Es ist die tiefste Darm-Sequenzierung einer solchen Gruppe bisher.

Was haben sie gefunden?

  • Sie fanden zehntausende bisher unbekannte Darmmikroben-Genome.
  • 124 Arten verschwinden in Industriegesellschaften fast völlig.
  • Der Hadza-Darm enthält etwa 730 Arten pro Erwachsenem.
  • Bei Menschen aus Kalifornien sind es nur etwa 277.

Was bedeutet das für die Gesundheit?

  • Industrialisierte Darmmikroben tragen mehr Gene gegen oxidativen Stress.
  • Das passt zu einem entzündlich veränderten Darmmilieu.
  • Die verlorenen Arten erfüllen andere Aufgaben als die neuen.
  • Gesundheitliche Folgen sind damit noch nicht bewiesen.

Was bleibt offen?

  • Die Befunde beruhen auf einer einzigen Jäger-Sammler-Gruppe.
  • Viele Gene der verschwundenen Arten sind noch unbekannt.
  • Ob ihr Verlust krank macht, ist ungeklärt.
  • Weitere Völker müssen ebenso tief untersucht werden.

Teil 2: Wissenschaftliche Darstellung

Ultratiefe Sequenzierung der Hadza deckt verschwindende Darmmikroben auf.

  • Die Studie stammt von Carter et al., Cell 2023.
  • Letztautoren sind Erica und Justin Sonnenburg, Stanford.

1. Fragestellung

  • Die Mikrobiomforschung konzentriert sich stark auf industrialisierte Länder.
  • Dort ist die Vielfalt der Darmmikroben niedrig.
  • Als mögliche Ursachen gelten verarbeitete Kost, Antibiotika und Kaiserschnitt.
  • Hinzu kommen Hygiene und wenig Kontakt zu Tieren und Erde.
  • Bisherige Daten zu Jägern und Sammlern waren zu flach sequenziert.
  • Die Autoren fragten, welche Mikroben in der Industrialisierung verschwinden.
  • Sie fragten auch, welche Funktionen dabei verloren gehen.
  • Als VANISH bezeichnen sie Taxa, die in Industriegesellschaften schwinden.
  • BloSSUM sind Taxa, die in Industriegesellschaften zunehmen.

2. Methoden

  • Untersucht wurden Stuhlproben von 167 Hadza aus den Jahren 2013 bis 2014.
  • 66 Personen wurden mehrfach beprobt, 101 nur einmal.
  • Die Autoren sequenzierten 388 Metagenom-Bibliotheken auf einem NovaSeq 6000.
  • Die Gesamtmenge betrug 9,4 Terabasenpaare.
  • Die tiefste Probe erreichte 210 Gigabasenpaare.
  • Zum Vergleich wurden Proben aus Nepal und Kalifornien gleich tief sequenziert.
  • Die Nepal-Gruppen reichten von Sammlern bis zu langjährigen Ackerbauern.
  • Genome wurden aus Einzelproben zusammengesetzt und in Gruppen sortiert.
  • Zusätzlich wurden 52 Bakterienstämme anaerob aus denselben Proben kultiviert.
  • Die Prävalenz wurde in 1.800 öffentlichen Metagenomen verglichen.
  • VANISH und BloSSUM wurden per Fisher-Test über das 95. Perzentil definiert.
  • Replikationsraten wurden mit iRep aus der Sequenzabdeckung berechnet.
  • Der pN/pS-Wert diente als Maß für Selektionsdruck auf Gene.
  • Stammteilung wurde bei 99,999 % Übereinstimmung der Population definiert.

3. Ergebnisse

3.1 Genome und Neuheit

  • Die Autoren gewannen 83.044 Genome aus dem Hadza-Darm.
  • Das sind 48.475 Bakterien- und Archaeen-Genome.
  • Dazu kommen 34.552 Bakteriophagen-Genome und 17 eukaryotische Genome.
  • Über alle Gruppen hinweg sind 44 % in bestehenden Datensätzen nicht enthalten.
  • Von den 8,4 Millionen Proteinfamilien fehlen 59,7 % in der UHGP-95-Datenbank.
  • Unter den Eukaryoten fand sich ein nahezu vollständiges Genom einer Stachellosen Biene.
  • Die Hadza verzehren deren Honig und Larven.
  • Von 52 Isolaten gehören 18 Arten zu bisher unkultivierten Bakterien.

3.2 Tiefe und Artenzahl

  • Die Hadza hatten höhere Vielfalt bei Bakterien, Archaeen und Phagen.
  • Die Sequenziertiefe allein erklärt dies nicht.
  • Seltene Arten sind häufiger bisher unbekannt als häufige Arten.
  • Die geschätzte Artenzahl pro Erwachsenem zeigt die folgende Tabelle.
Bevölkerung Geschätzte Arten pro Erwachsenem Standardfehler
Hadza (Tansania) 730 14,5
Nepal, Ackerbauern 436 106
Nepal, Sammler 317 32
Kalifornien 277 32

3.3 VANISH und BloSSUM

  • Die Autoren definierten 124 VANISH-Arten und 63 BloSSUM-Arten.
  • 96 % der VANISH-Arten fanden sich auch in Übergangsgesellschaften.
  • Alle BloSSUM-Arten fanden sich dort ebenfalls.
  • Die Zuordnung folgt der Verwandtschaft stark.
  • Ganze Gattungen sind entweder VANISH oder BloSSUM, selten beides.
  • In Übergangsproben replizieren BloSSUM-Arten schneller als VANISH-Arten.
  • Das könnte einen Wettbewerbsvorteil im veränderten Darm anzeigen.

3.4 Funktionen

  • 37 Genfunktionen (KO) waren bei VANISH-Arten häufiger.
  • 268 Genfunktionen waren bei BloSSUM-Arten häufiger.
  • VANISH-Arten besitzen mehr Peptidasen und Sporulationsgene.
  • BloSSUM-Arten besitzen mehr Gene für Antioxidation und Redox-Sensorik.
  • Das deutet auf höheren Sauerstoff- oder Entzündungsstress im Industrie-Darm.
  • BloSSUM-Arten sind zudem reicher an Lipopolysaccharid-Synthese und Sekretionssystemen.
  • BloSSUM-Arten sind funktionell nicht einfach Ersatz für VANISH-Arten.

3.5 Treponema succinifaciens

  • Spirochäten sind in Kalifornien praktisch nicht nachweisbar.
  • Die Studie ergänzte 1.047 neue Spirochäten-Genome.
  • Die Zahl bekannter T.-succinifaciens-Genome stieg von 125 auf 346.
  • Die Stammbaum-Struktur folgt dem Herkunftskontinent deutlich.
  • 46,7 % der Übergänge zwischen Populationen führen von den Hadza weg.
  • Das passt zu einer Verbreitung entlang der Out-of-Africa-Routen.
  • Die Autoren betonen: Dies beweist die Wanderung nicht.

3.6 Evolution, Wachstum und Stammteilung

  • Gene für Oberflächenproteine zeigen hohe pN/pS-Werte.
  • Beispiele sind Pilin-Motive und Kollagen-bindende Proteine.
  • Das spricht für diversifizierende Selektion im Hadza-Darm.
  • Mögliche Treiber sind Saisonkost, Immunsystem und Phagenfraß.
  • Die Replikationsrate der Bakterien schwankt mit der Jahreszeit.
  • Sie ist in der späten Regenzeit und frühen Trockenzeit am höchsten.
  • Verwandte teilen mehr Bakterienstämme als Nicht-Verwandte.
  • Mitglieder desselben Buschlagers teilen fast ebenso viele Stämme.
  • Auch Wasserquelle und Jahreszeit hängen mit Stammteilung zusammen.

4. Zusammenfassung

  • Der Hadza-Darm enthält viele bisher unbekannte Mikroben aus allen Lebensbereichen.
  • Der Unterschied zum Industrie-Darm geht weit über Artenzahlen hinaus.
  • VANISH- und BloSSUM-Arten unterscheiden sich auch in ihren Genfunktionen.
  • Industrie-Mikroben tragen mehr Gene gegen oxidativen Stress.
  • Die Autoren deuten dies als Anpassung an entzündliche Prozesse.
  • Die Daten sind frei verfügbar und dienen als Referenz.
  • Einschränkung: Alle VANISH-Befunde stützen sich auf eine einzige Gruppe.
  • Einschränkung: Viele Gene der VANISH-Arten sind kaum annotiert.
  • Einschränkung: Die Studie zeigt Assoziationen, keine Kausalität für Krankheiten.
  • Offen bleibt, welche Verluste Gesundheit tatsächlich beeinträchtigen.

5. Quellen

  1. Carter MM, Olm MR, Merrill BD et al. Ultra-deep sequencing of Hadza hunter-gatherers recovers vanishing gut microbes. Cell 2023;186(14):3111–3124. DOI
  2. Smits SA, Leach J, Sonnenburg ED et al. Seasonal cycling in the gut microbiome of the Hadza hunter-gatherers of Tanzania. Science 2017;357:802–806. PubMed
  3. Sonnenburg ED, Sonnenburg JL. The ancestral and industrialized gut microbiota and implications for human health. Nat Rev Microbiol 2019;17:383–390. PubMed
  4. Vangay P, Johnson AJ, Ward TL et al. US immigration westernizes the human gut microbiome. Cell 2018;175:962–972. PubMed
  5. Wibowo MC, Yang Z, Borry M et al. Reconstruction of ancient microbial genomes from the human gut. Nature 2021;594:234–239. PubMed
  6. Fragiadakis GK, Smits SA, Sonnenburg ED et al. Links between environment, diet, and the hunter-gatherer microbiome. Gut Microbes 2019;10:216–227. PubMed
  7. Blaser MJ. The theory of disappearing microbiota and the epidemics of chronic diseases. Nat Rev Immunol 2017;17:461–463. PubMed

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