Gibt es gegen das Chronische Schmerzsyndrom eine neue Chance durch NANA10?



Gibt es gegen das Chronische Schmerzsyndrom eine neue Chance durch NANA10?


Was sind Fibromyalgie, CRPS und Reizdarmsyndrom für Erkrankungen?

  • Fibromyalgie: Eine chronische Schmerzerkrankung, bei der Betroffene an weit verbreiteten Muskel- und Körperschmerzen leiden. Häufig kommen Müdigkeit, Schlafstörungen und eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit hinzu.
  • Complex Regional Pain Syndrome (CRPS): Eine seltene, meist nach einer Verletzung oder Operation auftretende Schmerzerkrankung. Typisch sind starke, anhaltende Schmerzen, Schwellungen sowie Veränderungen von Hauttemperatur, Hautfarbe und Beweglichkeit.
  • Reizdarmsyndrom (IBS): Eine funktionelle Darmerkrankung mit wiederkehrenden Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall und/oder Verstopfung. Dabei lassen sich meist keine organischen Schäden finden, obwohl die Beschwerden deutlich sein können.

Chronische Schmerzsyndrome sind mit pathologischer Darm-Permeabilität assoziiert

Übersicht des Themas in allgemeinverständlicher Form

Frage 1: Welche Schmerzsyndrome wurden untersucht?

  • Untersucht wurden Fibromyalgie, das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) und das Reizdarmsyndrom (IBS).
  • Auch ähnliche Erkrankungen wie ME/CFS, rheumatoide Arthritis und Spondyloarthritis wurden berücksichtigt.
  • Bei all diesen Erkrankungen können über längere Zeit anhaltende Schmerzen auftreten.
  • Außerdem gibt es bei mehreren dieser Erkrankungen Hinweise darauf, dass die Schutzfunktion der Darmwand gestört sein kann.

Frage 2: Wie wurde die Darmpermeabilität gemessen?

  • Teils direkt über sogenannte Zucker-Tests, die die tatsächliche Durchlässigkeit messen.
  • Teils über Blutmarker wie Zonulin, LBP, sCD14 und i-FABP.
  • Diese Marker bilden unterschiedliche Aspekte der Darm-Barrierestörung ab.
  • Sie sind nicht austauschbar, sondern ergänzen sich.

Frage 3: Welche Marker liefern die verlässlichsten Ergebnisse?

  • LBP und sCD14 sind bei vielen der untersuchten chronischen Schmerzerkrankungen deutlich erhöht.
  • Je aktiver oder stärker die Erkrankung ausgeprägt ist, desto höher fallen diese Werte häufig aus.
  • Beim Zonulin im Blut sind die Ergebnisse dagegen nicht eindeutig.
  • Zonulin im Stuhl und i-FABP zeigen nur bei bestimmten Patientengruppen klare Veränderungen.

Frage 4: Was bedeutet das insgesamt?

  • Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass bei chronischen Schmerzerkrankungen häufiger Bestandteile von Darmbakterien aus dem Darm in den Körper gelangen können.
  • Die untersuchten Schmerzerkrankungen haben jedoch sehr unterschiedliche Ursachen und Krankheitsmechanismen.
  • Viele der bisherigen Studien umfassen nur wenige Teilnehmer und zeigen lediglich eine Momentaufnahme.
  • Größere Langzeitstudien mit einheitlichen Untersuchungsmethoden fehlen bislang.​​​​​​​

Chronische Schmerzsyndrome sind mit pathologischer Darm-Permeabilität assoziiert

1. Fragestellung

  • Die Hypothese, dass eine gestörte Darmbarriere zur Pathogenese chronischer Schmerzsyndrome beiträgt, hat in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen (Fasano, 2020; Martel et al., 2022).
  • Fasano und Kollegen identifizierten Zonulin als einzigen bekannten physiologischen Modulator interzellulärer Tight Junctions (Sturgeon & Fasano, 2016; Sturgeon et al., 2017).
  • Goebel et al. (2008) wiesen erstmals eine erhöhte gastroduodenale und Dünndarmpermeabilität bei Patienten mit primärer Fibromyalgie nach.
  • Unerwartet zeigte sich diese auch bei CRPS-Patienten (Goebel et al., 2008).
  • Seither hat sich das Spektrum der untersuchten Biomarker erheblich erweitert: Zonulin, LBP, sCD14 und i-FABP erfassen unterschiedliche biologische Dimensionen der Barrierestörung (Ioannou et al., 2025).
  • Ioannou et al. (2025) betonen, dass diese Marker trotz häufiger gleichzeitiger Verwendung nicht austauschbar sind, sondern komplementäre Prozesse widerspiegeln (Ioannou et al., 2025).
  • Die vorliegende Synthese analysiert 50 Publikationen zur Frage, welche Parameter bei chronischen Schmerzsyndromen pathologisch verändert sind.
  • Methodische Limitierungen, insbesondere die mangelnde Spezifität kommerzieller Zonulin-ELISA-Kits, werden dabei berücksichtigt (Vanuytsel et al., 2021; Massier et al., 2020).

2. Methoden

  • Die Suche wurde über die Consensus-Datenbank durchgeführt, die mehr als 170 Millionen Forschungspapiere umfasst.
  • Eine mehrstufige Recherchestrategie mit sechs Forschungsgruppen identifizierte zunächst 6.464 relevante Publikationen.
  • Diese wurden durch Zitations-Crawling auf 2.839 weitere Arbeiten erweitert.
  • Nach Relevanzfilterung wurden 249 Papiere gescreent und 138 als relevant eingestuft.
  • Nach Deduplizierung und Rangordnung verblieben die 50 am höchsten bewerteten Publikationen für diese Synthese.

3. Ergebnisse

3.1 Schlüsselarbeiten

  • Goebel et al. (2008) lieferten den ersten direkten Nachweis erhöhter Darmpermeabilität bei chronischen Schmerzsyndromen mittels Zucker-Test (Goebel et al., 2008).
  • Martín et al. (2023) erweiterten dies um serologische Biomarker bei FM und ME/CFS (Martín et al., 2023).
  • Russo et al. (2025) verglichen erstmals serum- und fäkal-Zonulin nebeneinander bei FM- und IBS-Patienten (Russo et al., 2025).

3.2 Direkte Permeabilitätsnachweise bei Schmerzsyndromen

  • Goebel et al. (2008) wiesen mittels Dreizucker-Test bei 40 Patienten mit primärer Fibromyalgie eine signifikant erhöhte Permeabilität nach.
  • 13 Patienten zeigten erhöhte gastroduodenale und 15 erhöhte Dünndarmwerte, verglichen mit nur einer Auffälligkeit bei 57 Kontrollen (p < 0,0001) (Goebel et al., 2008).
  • Überraschenderweise zeigten auch 17 Patienten mit CRPS, einem nicht-viszeralen Schmerzsyndrom, eine erhöhte Permeabilität (Goebel et al., 2008).
  • Ein systematisches Review von 66 Studien bestätigte eine Barrierestörung bei 37-62 % der IBS-D-Patienten (Hanning et al., 2021).
  • Die Mehrzahl der Studien zeigte eine positive Assoziation zwischen Barrierestörung und abdominalem Schmerz (Hanning et al., 2021).
  • Witt et al. (2018) fanden, dass die Beziehung zwischen Darmpermeabilität und Hirnstruktur bei IBS-Patienten signifikant verändert war (Witt et al., 2018).

3.3 Biomarker-Profile bei Schmerzsyndromen

Biomarker Befund bei Schmerzsyndromen Konsistenz
Zonulin (fäkal) Erhöht bei FM+IBS-Komorbidität (243,5 ng/mL) (Russo et al., 2025) Moderate
Zonulin (Serum) Kein Unterschied bei FM/IBS vs. Kontrollen (Russo et al., 2025) Heterogen
LBP Erhöht bei FM, ME/CFS, RA, axSpA; korreliert mit Krankheitsaktivität (Martín et al., 2023; Audo et al., 2022; Rademacher et al., 2024) Stark
sCD14 Erhöht bei FM, ME/CFS, RA; korreliert mit LPS (Martín et al., 2023; Audo et al., 2022; Giloteaux et al., 2016) Stark
i-FABP Erhöht bei IBS-Subtypen; inkonsistent bei FM allein (Russo et al., 2025) Moderate
  • Martín et al. (2023) fanden bei 22 FM-Patienten signifikant erhöhte Werte für ZO-1, LPS und sCD14 im Vergleich zu Kontrollen (alle p < 0,0001) (Martín et al., 2023).
  • Bei ME/CFS-Patienten waren dieselben Marker erhöht, jedoch niedriger als bei FM (Martín et al., 2023).
  • Giloteaux et al. (2016) bestätigten bei ME/CFS-Patienten erhöhte LBP-, sCD14- und LPS-Spiegel, wobei LBP mit LPS und sCD14 korrelierte (Giloteaux et al., 2016).
  • Bei rheumatoider Arthritis fanden Audo et al. (2022) erhöhte LBP- und sCD14-Konzentrationen, die signifikant mit der Krankheitsaktivität korrelierten (r = 0,61 bzw. r = 0,57) (Audo et al., 2022).
  • LBP und sCD14 sanken unter erfolgreicher bDMARD-Therapie (Audo et al., 2022).
  • Bei axialer Spondyloarthritis zeigte LBP eine positive longitudinale Assoziation mit ASDAS und BASDAI, Zonulin hingegen keine Assoziation mit Krankheitsaktivität (Rademacher et al., 2024).

3.4 Zonulin — Methodische Kontroversen und Inkonsistenz

  • Die Interpretation von Zonulin als Permeabilitätsmarker ist durch erhebliche methodische Probleme belastet.
  • Vanuytsel et al. (2021) stellten fest, dass die verbreitetsten ELISA-Kits nicht Zonulin, sondern Komplement C3 und Properdin detektieren (Vanuytsel et al., 2021).
  • Massier et al. (2020) bestätigten, dass Zonulin als Biomarker stark umstritten ist (Massier et al., 2020).
  • Russo et al. (2025) fanden bei FM- und IBS-Patienten keinen Unterschied im Serum-Zonulin zwischen den Gruppen, während fäkal-Zonulin bei der FM+IBS-Komorbidität am höchsten war (Russo et al., 2025).
  • Heidt et al. (2023) wiesen darauf hin, dass fäkales Zonulin möglicherweise spezifischer für die intestinale Sekretion ist als Serum-Zonulin (Heidt et al., 2023).
  • Seethaler et al. (2021) zeigten, dass plasma-LBP konsistent mit dem Lactulose/Mannitol-Verhältnis korrelierte, fäkales Zonulin nur bei Übergewichtigen (Seethaler et al., 2021).

Kernaussagen und Evidenzstärke

Claim Evidence Strength Reasoning Papers
LBP ist bei chronischen Schmerzsyndromen konsistent erhöht Strong Replizierte Befunde bei FM, ME/CFS, RA, axSpA; korreliert mit Krankheitsaktivität; sinkt unter Therapie Martín et al., 2023; Audo et al., 2022; Giloteaux et al., 2016; Rademacher et al., 2024
sCD14 ist bei Schmerzsyndromen erhöht und korreliert mit LPS Moderate Konsistent bei FM, ME/CFS, RA; jedoch heterogen bei psychiatrischen Komorbiditäten Martín et al., 2023; Audo et al., 2022

4. Zusammenfassung

  • Die Evidenz für eine Assoziation zwischen chronischen Schmerzsyndromen und gestörter Darmpermeabilität ist substanziell, aber heterogen.
  • Die stärksten und konsistentesten Befunde betreffen LBP und sCD14.
  • Diese Konsistenz über verschiedene Schmerzsyndrome hinweg spricht für einen robusten Zusammenhang zwischen mikrobieller Translokation und chronischem Schmerz.
  • Zonulin zeigt ein deutlich inkonsistenteres Bild, insbesondere im Serum.
  • Fäkales Zonulin erscheint vielversprechender, korrelierte aber nur bei Übergewichtigen mit dem Goldstandard-Test.
  • i-FABP zeigt moderate Konsistenz, ist bei IBS-Subtypen erhöht, bei FM allein jedoch weniger ausgeprägt.
  • Eine wesentliche Limitierung ist die Heterogenität der untersuchten Schmerzsyndrome und die überwiegend kleine, querschnittliche Studienlage.

5. Quellen

  • Audo, R., Sanchez, P., Rivière, B., Mielle, J., Tan, J., Lukas, C., Macia, L., Morel, J., & Daien, I. C. (2022). Rheumatoid arthritis is associated with increased gut permeability and bacterial translocation which are reversed by inflammation control. Rheumatology. https://doi.org/10.1093/rheumatology/keac454
  • Bibolar, A. C., Crecan-Suciu, B., Păunescu, R., Nechita, V., Verisezan-Roșu, O., & Micluția, I. (2025). Intestinal Permeability and Depression—A Narrative Review of Selected Blood-Based Biomarkers. International Journal of Molecular Sciences, 26. https://doi.org/10.3390/ijms262010076
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Author A. Fasano
Author F. Ciccia
Author F. Russo
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