Gibt es gegen die Belastung der Coloskopie eine neue Chance durch NANA10?



Gibt es gegen die Belastung der Coloskopie eine neue Chance durch NANA10?


Darmbarriere-Biomarker bei Koloskopie – keine direkte Evidenz

Übersicht des Themas in allgemeinverständlicher Form

Frage 1: Was sind Darm-Permeabilitätsmarker und wofür werden sie untersucht?

  • Darm-Permeabilitätsmarker sind Blut- oder Stuhlwerte, die Hinweise darauf geben, ob die Darmbarriere zu durchlässig ist. In diesem Fall können vermehrt Bestandteile von Darmbakterien oder andere unerwünschte Stoffe in den Körper gelangen.
  • Zu den fünf wichtigsten Markern gehören Zonulin im Blut, Zonulin im Stuhl, LBP als Eiweiß der Entzündungsreaktion, sCD14 als Hinweis auf eine Aktivierung des Immunsystems und i-FABP als Marker für eine Schädigung der Darmzellen.
  • Diese Werte werden unter anderem bei Morbus Crohn, Zöliakie und Reizdarmsyndrom untersucht, um Hinweise auf eine gestörte Darmbarriere zu erhalten.
  • Die Aussagekraft der einzelnen Marker unterscheidet sich jedoch deutlich. Besonders Zonulin im Blut ist wissenschaftlich und methodisch umstritten.

Frage 2: Ist eine Darmspiegelung (Koloskopie) mit veränderten Darmpermeabilitätswerten verbunden?

  • Nein. In der aktuellen Literatur findet sich keine Studie, die Darmbarriere-Marker direkt vor und nach einer Koloskopie (Darmspiegelung) vergleicht.
  • Der ausgewertete Bestand von 50 Studien beschreibt zwar die allgemeine Aussagekraft dieser Marker bei Darmerkrankungen, untersucht jedoch nicht die Auswirkungen einer Koloskopie selbst.
  • Daher lässt sich aus der bisherigen Literatur nicht ableiten, ob eine Koloskopie die Durchlässigkeit der Darmbarriere verändert.
  • Auch die möglichen Einflüsse der Darmreinigung vor der Untersuchung und der Sedierung wurden bisher nicht getrennt von den Auswirkungen des eigentlichen Eingriffs untersucht.

Frage 3: Welche Biomarker sind am aussagekräftigsten für die Darmbarriere?

  • LBP (Lipopolysaccharid-bindendes Protein) ist im ausgewerteten Literaturbestand der verlässlichste Marker. Der Wert stimmt vergleichsweise gut mit dem Zuckerdurchlässigkeitstest überein und ist bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen häufig erhöht.
  • sCD14 ist oft gemeinsam mit LBP erhöht. Der Marker zeigt jedoch eher die Reaktion des Immunsystems auf bakterielle Bestandteile an als die reine Durchlässigkeit der Darmwand.
  • i-FABP (intestinales Fettsäure-Bindeprotein) weist auf eine Schädigung der Darmzellen hin. Der Wert ist jedoch nicht bei allen Erkrankungen erhöht.
  • Zonulin im Blut gilt als am wenigsten verlässlich, da handelsübliche Labortests häufig nicht das eigentliche Zonulin messen, sondern andere Eiweiße.

Frage 4: Was bedeutet diese Forschungslücke für die klinische Praxis?

  • Für Ärzte und Patienten bedeutet dies: Es gibt bisher keine wissenschaftlich gesicherte Aussage dazu, ob eine Koloskopie (Darmspiegelung) die genannten Darmbarriere-Marker verändert.
  • Wer nach einer Darmspiegelung auffällige Werte feststellt, kann diese daher nicht ohne Weiteres auf den Eingriff zurückführen.
  • Um diese Frage zu klären, wären gezielte Studien notwendig, in denen alle fünf Marker vor und nach der Koloskopie gemessen werden.
  • Bis dahin gilt: Ein Einfluss der Koloskopie auf diese Marker ist nicht belegt.​​​​​​​

Ist eine Coloskopie mit pathologischen Werten von Darm-Permeabilitätsmarkern verbunden?

– Keine direkte Evidenz; Einordnung der Marker-Validität anhand allgemeiner Barrierestudien

1. Fragestellung

  • Nein, für die Koloskopie selbst gibt es keinen direkten Nachweis pathologischer Permeabilitätsmarker.
  • Die vorliegende Evidenz beantwortet die Frage nur indirekt: Unter den 50 eingeschlossenen Arbeiten findet sich keine Studie, die Koloskopie als Exposition untersucht und anschließend fäkales Zonulin, Serum-Zonulin, LBP, sCD14 oder i-FABP vor und nach dem Eingriff vergleicht.
  • Stattdessen beschreibt der Corpus vor allem, welche Marker bei Zuständen mit gestörter Darmbarriere typischerweise verändert sind und wie verlässlich diese Marker überhaupt sind (Jing et al., 2023; Seethaler et al., 2021; Vanuytsel et al., 2021).
  • Das ist entscheidend, weil aus diesem Corpus nicht abgeleitet werden kann, dass eine Koloskopie per se mit pathologischen Permeabilitätswerten verbunden ist.
  • Für die einzelnen Marker zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: LBP und oft auch sCD14 steigen in entzündlichen oder translokationsgeprägten Krankheitsbildern an (Audo et al., 2022; Mogilevski et al., 2024; Nguyen et al., 2022; Geertsema et al., 2026).
  • i-FABP ist eher ein Marker für Enterozytenschaden als für unspezifische parazelluläre Permeabilität und ist in manchen Erkrankungen erhöht, in anderen aber normal oder sogar erniedrigt (Turgunov et al., 2025; Mogilevski et al., 2024; Lillig et al., 2025).
  • Zonulin ist biologisch plausibel, aber vor allem im Serum methodisch problematisch, weil viele kommerzielle ELISAs offenbar nicht das eigentliche Zonulin messen und oft schlecht mit physiologischen Permeabilitätstests korrelieren (Vanuytsel et al., 2021; Ajamian et al., 2019; Massier et al., 2020; De-Faria et al., 2021).

2. Methoden

  • Die Suche lief über mehr als 170 Millionen Publikationen in Consensus, einschließlich Semantic Scholar, PubMed und weiterer Quellen.
  • Identifiziert wurden 4.442 initiale Treffer, zusätzlich 1.638 zitationsbasierte Arbeiten.
  • 230 Arbeiten wurden gescreent, 116 als potenziell relevant eingestuft und die 50 relevantesten für diese Synthese eingeschlossen.
  • Die Strategie kombinierte direkte Suchen zu Koloskopie plus Biomarkern mit breiteren Suchen zur Validität und Interpretation einzelner Permeabilitätsmarker.
  • Es wurden 21 Suchanfragen und 1 Zitationsgraph-Auswertung durchgeführt.

3. Ergebnisse

Konsens-Meter

  • Konsens: Nein – weniger als 5 Studien beantworten die Frage direkt (Datenlage unzureichend für direkten Konsens).

3.1 Schlüsselarbeiten

  • Die tragenden Arbeiten im Corpus sind weniger Koloskopie-Studien als vielmehr Validierungs- und Krankheitsassoziationsstudien zu den fraglichen Markern.
  • Besonders zentral sind die methodenkritischen Zonulin-Arbeiten sowie Studien, die LBP, sCD14 und i-FABP gegen Aktivität oder Schwere intestinaler Erkrankung prüfen (Ajamian et al., 2019; Seethaler et al., 2021; Mogilevski et al., 2024).
Arbeit Kernaussage
(Audo et al., 2022) LBP korreliert konsistent mit Lac/Mannitol
(Seethaler et al., 2021) LBP ist der verlässlichste der abgefragten Marker
(Ajamian et al., 2019) Kommerzielle Zonulin-ELISAs messen oft nicht Zonulin selbst
(Mogilevski et al., 2024) LBP und sCD14 spiegeln IBD-Aktivität besser als i-FABP

3.2 Markervergleich

Marker Typisches Signal im Corpus Zentrale Einschränkung Quellen
Fäkales Zonulin Häufig erhöht bei IBD/Zöliakie Nicht für Koloskopie untersucht (Szymańska et al., 2021; Bykova et al., 2022)
Serum-Zonulin Oft erhöht in Krankheiten Assay-Spezifität stark umstritten (Xiao et al., 2024; Vanuytsel et al., 2021; Ajamian et al., 2019)
LBP Relativ konsistent erhöht Misst eher mikrobielle Translokation und Akute-Phase-Reaktion (Seethaler et al., 2021; Audo et al., 2022; Mogilevski et al., 2024)
sCD14 Oft erhöht bei aktiver Entzündung Eher Monozytenaktivierung als direkte Barrierefunktion (Ioannou et al., 2025; Mogilevski et al., 2024; Geertsema et al., 2026)
i-FABP Marker für Enterozytenschaden Uneinheitlich je nach Erkrankung (Cao et al., 2023; Mogilevski et al., 2024; Geertsema et al., 2026)

3.3 Welche Marker wirken am auffälligsten?

  • Wenn nur nach dem häufigsten pathologischen Signal im Corpus gefragt wird, sind LBP und oft sCD14 die robustesten Kandidaten.
  • LBP korrelierte in einer Querschnittsstudie konsistent mit dem Lactulose/Mannitol-Verhältnis, unabhängig von Alter, BMI und Geschlecht (Seethaler et al., 2021).
  • In rheumatoider Arthritis und IBD waren LBP und sCD14 höher als bei Kontrollen; LBP sank zudem mit erfolgreicher Therapie und sagte in IBD Aktivität sowie teils Progression voraus (Audo et al., 2022; Mogilevski et al., 2024; Geertsema et al., 2026).
  • i-FABP ist ebenfalls oft auffällig, aber weniger einheitlich: Es steigt klar bei Enterozytenschaden, etwa in MODS, Malaria, Herzinsuffizienz oder Zöliakie (Turgunov et al., 2025; Ngai et al., 2022; Nendl et al., 2023; Bykova et al., 2022).
  • In aktiver IBD war i-FABP dagegen in mehreren Datensätzen nicht erhöht oder sogar niedriger als bei Gesunden (Mogilevski et al., 2024; Nguyen et al., 2022).

3.4 Zonulin-spezifische Einordnung

  • Zonulin ist der unsicherste der fünf abgefragten Parameter.
  • Mehrere methodische Arbeiten zeigen, dass verbreitete kommerzielle ELISAs im Serum häufig nicht das eigentliche Zonulin messen, sondern andere Proteine wie Komplement C3 oder Properdin (Vanuytsel et al., 2021; Ajamian et al., 2019; Massier et al., 2020).
  • Entsprechend korrelierte Serum-Zonulin in mehreren Studien schlecht oder gar nicht mit physiologischen Permeabilitätstests oder kolorektaler parazellulärer Permeabilität (Vanuytsel et al., 2021; Power et al., 2021; De-Faria et al., 2021).
  • Fäkales Zonulin wirkt etwas brauchbarer, zumindest in bestimmten Darmerkrankungen: In pädiatrischer IBD war fäkales Zonulin erhöht und korrelierte mit fäkalem Calprotectin (Szymańska et al., 2022; Szymańska et al., 2021).
  • Auch bei Zöliakie stieg fäkales Zonulin mit dem Ausmaß der Mukosaatrophie (Bykova et al., 2022).

3.5 Claims and Evidence Table

Aussage Evidenzstärke Begründung Quellen
Für Koloskopie selbst gibt es in diesem Corpus keinen direkten Biomarker-Nachweis Strong Die eingeschlossenen Studien untersuchen Marker bei Krankheiten, nicht vor/nach Koloskopie (Jing et al., 2023; Zhang et al., 2025)
LBP ist der konsistenteste der abgefragten Marker Moderate Korrelation mit Lac/Mannitol, Aktivität in IBD/RA, teils Prognosewert (Seethaler et al., 2021; Mogilevski et al., 2024; Geertsema et al., 2026)
sCD14 ist oft erhöht, aber weniger spezifisch Moderate Häufig parallel zu Entzündung und LPS-Antwort, eher Immunaktivierung (Audo et al., 2022; Mogilevski et al., 2024; Ioannou et al., 2025)
i-FABP zeigt Enterozytenschaden, nicht verlässlich jede Permeabilitätsstörung Moderate In manchen Erkrankungen hoch, in IBD teils normal oder niedrig (Ngai et al., 2022; Mogilevski et al., 2024; Nendl et al., 2023)
Serum-Zonulin ist als Marker stark umstritten Weak Kommerzielle ELISAs messen oft nicht Zonulin; Korrelation mit Funktionstests schwach (Ajamian et al., 2019; Massier et al., 2020; Power et al., 2021)

4. Zusammenfassung

  • Zusammengefasst zeigt der Corpus keinen direkten Beleg, dass eine Koloskopie mit pathologischen Werten von fäkalem Zonulin, Serum-Zonulin, LBP, sCD14 oder i-FABP verbunden ist.
  • Die stärkste Aussage ist negativ: Die notwendige Vorher-nachher- oder Expositionsanalyse fehlt schlicht.
  • Die Literatur erlaubt aber eine Rangordnung der Marker danach, wie oft und wie plausibel sie bei Barriere-Störung auffällig sind.
  • Die zweitstärkste Aussage betrifft die ungleiche Validität der Marker: LBP ist im Corpus am konsistentesten mit funktioneller oder entzündlicher Barriere-Störung verknüpft (Seethaler et al., 2021; Mogilevski et al., 2024).
  • sCD14 ist oft parallel erhöht, scheint aber stärker allgemeine Monozytenaktivierung und LPS-Antwort als reine Permeabilität abzubilden (Cao et al., 2023; Ioannou et al., 2025).
  • i-FABP ist biologisch klar, aber vor allem ein Schadensmarker des Epithels; er ist nur dann auffällig, wenn tatsächlich Enterozytenschaden vorliegt (Turgunov et al., 2025; Cao et al., 2023).
  • Die größte methodische Schwäche liegt bei Serum-Zonulin: Mehrere hochrelevante Arbeiten zeigen, dass die gängigen ELISAs unspezifisch sind und teils invers oder gar nicht mit echter Permeabilität korrelieren (Ajamian et al., 2019; Massier et al., 2020; De-Faria et al., 2021).
  • Fäkales Zonulin erscheint in einzelnen Darmerkrankungen nützlicher, ist aber ebenfalls nicht direkt für die Frage nach Koloskopie validiert (Szymańska et al., 2021; Szymańska et al., 2022).
  • Die größte Forschungslücke ist einfach: Es fehlen direkte Studien zu vor/nach Koloskopie mit genau diesen fünf Biomarkern.
  • Gezielte Studien müssten Koloskopie, Darmvorbereitung und Sedierung sauber trennen, weil diese Expositionen biologisch unterschiedliche Effekte haben könnten.
  • Wenn die Frage streng auf Koloskopie zielt, lautet die Antwort: nicht belegt; wenn nach dem im Corpus auffälligsten Marker gefragt wird, ist LBP der robusteste Kandidat, gefolgt von sCD14, während Serum-Zonulin am wenigsten verlässlich ist.

5. Quellen

  • Ajamian, M., Steer, D., Rosella, G., & Gibson, P. (2019). Serum zonulin as a marker of intestinal mucosal barrier function: May not be what it seems. PLoS ONE, 14. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0210728
  • Audo, R., Sanchez, P., Rivière, B., Mielle, J., Tan, J., Lukas, C., Macia, L., Morel, J., & Daien, I. C. (2022). Rheumatoid arthritis is associated with increased gut permeability and bacterial translocation which are reversed by inflammation control. Rheumatology. https://doi.org/10.1093/rheumatology/keac454
  • Bykova, S., Sabelnikova, E., Novikov, A., Baulo, E., Khomeriki, S. G., & Parfenov, A. (2022). [Zonulin and I-FABP are markers of enterocyte damage in celiac disease]. Terapevticheskii arkhiv, 94 4, 511–516. https://doi.org/10.26442/00403660.2022.04.201480
  • Cao, V., Carter, M., Brenchley, J., Bolan, H., Scott, L., Bai, Y., Metcalfe, D., & Komarow, H. D. (2023). sCD14 and intestinal fatty acid binding protein are elevated in the serum of patients with idiopathic anaphylaxis. The Journal of Allergy and Clinical Immunology. In Practice, 11, 2080–2086.e5. https://doi.org/10.1016/j.jaci.2022.12.691
  • De-Faria, F. M., Bednarska, O., Ström, M., Söderholm, J., Walter, S., & Keita, Å. (2021). Colonic paracellular permeability and circulating zonulin-related proteins. Scandinavian Journal of Gastroenterology, 56, 424–431. https://doi.org/10.1080/00365521.2021.1879247
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  • Xiao, J.-H., Wang, Y., Zhang, X.-M., Wang, W.-X., Zhang, Q., Tang, Y., & Yue, S. (2024). Intestinal permeability in human cardiovascular diseases: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Nutrition, 11. https://doi.org/10.3389/fnut.2024.1361126
  • Zhang, J., Wang, T., Mao, X., Hu, X., Lv, L., Qi, H., & Zheng, L. (2025). Biomarkers in body fluids and their detection techniques for human intestinal permeability assessment. Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (CCLM), 63, 2115–2129. https://doi.org/10.1515/cclm-2025-0318

Top Contributors

Typ Name
Autor P. Gibson
Autor A. Fasano
Autor J. Kierkuś
Journal Journal of Crohn's and Colitis
Journal Gut
Journal PLOS ONE

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