Ist es sinnvoll, den Körper ganzjährig im Sommermodus zu halten?

Die Antwort

Ja – unter heutigen Lebensbedingungen ist es sinnvoll, den Körper ganzjährig im Sommermodus zu halten


Uns erreichten folgende Frage, zu der wir hier  Stellung nehmen
Sehr geehrter Dr. von Helden,
1. Sie beschreiben Vitamin D als einen zentralen biologischen Schalter zwischen Sommer- und Winterzustand des Menschen. Da der Vitamin-D-Spiegel natürlicherweise im Winter deutlich sinkt und im Sommer ansteigt, stellt sich die naheliegende Frage, ob es wirklich sinnvoll und richtig sein kann, diesen natürlichen Rhythmus gezielt zu verändern. Ist es aus biologischer Sicht unbedenklich, den Körper durchgehend mit hohen Vitamin-D-Spiegeln im „Sommermodus“ zu halten – oder folgt der winterliche Abfall nicht einem sinnvollen, schützenden Zweck?

2. Haben Phänomene wie Grippewellen eine sinnvolle Funktion für den menschlichen Körper und das Immunsystem, weil grundsätzlich alles in der Natur und im menschlichen Organismus einen Zweck hat – und sollte man vor diesem Hintergrund überhaupt in diese Prozesse eingreifen, etwa durch eine dauerhaft hohe Zufuhr von Vitamin D3?

 
 

Zu 1. Das winterliche Absinken des Vitamin-D-Spiegels – ein evolutionsbiologisches Überlebensprogramm

  • Das winterliche Absinken des Vitamin-D-Spiegels ist kein Zufall und kein „Fehler“ des Körpers, sondern ein uraltes Überlebensprogramm aus der Steinzeit. Entscheidend ist jedoch: Dieses Programm wurde für eine Lebensrealität entwickelt, die mit unserer heutigen Situation nicht mehr vergleichbar ist.

Das „Winterprogramm“ der Steinzeit: Anpassung an Nahrungsmangel

  • In der Zeit vor Ackerbau und Viehzucht bedeutete der Winter für den Menschen monatelangen Nahrungsmangel.
  • Es gab kaum Früchte oder Gemüse, nur wenige jagdbare Tiere und insgesamt eine drastisch reduzierte Energiezufuhr.
  • Der sinkende Vitamin-D-Spiegel fungierte dabei als biologisches Signal, um den Körper in einen energiesparenden Überlebensmodus zu versetzen.
Dieser Modus äußerte sich durch:
  • ausgeprägte Müdigkeit, Antriebslosigkeit und depressive Verstimmungen, die zu Passivität führten,
  • eine reduzierte Immun- und Krebsabwehr,
  • einen deutlich gedrosselten Stoffwechsel mit geringerem Kalorienverbrauch,
  • eine Absenkung der Sexualhormone und eine verminderte Fruchtbarkeit.
All diese Anpassungen hatten ein klares Ziel: Energie sparen, Risiken minimieren und das Überleben sichern, bis im Frühjahr wieder Nahrung verfügbar war. In einer Umgebung ständigen Mangels war dieses Programm lebensrettend.

Der fundamentale Unterschied zur heutigen Lebensweise

  • Heute leben wir unter völlig anderen Bedingungen. Nahrung ist ganzjährig verfügbar, Wohnungen sind beheizt, körperliche Höchstleistungen zur Nahrungssuche sind nicht mehr notwendig. Dennoch reagiert unser Körper weiterhin nach dem alten Muster und schaltet im Winter in das gleiche „Hungerprogramm“ – obwohl real kein Hunger besteht.
  • Die entscheidende Diskrepanz liegt darin, dass wir im Winter nicht weniger essen. Im Gegenteil: Die Kalorienzufuhr bleibt konstant oder steigt sogar. Das ehemals schützende Programm wird dadurch zu einem gesundheitlichen Nachteil:
  • Die verringerte Immunabwehr begünstigt Infektionen und spiegelt sich in den hohen Erkrankungszahlen während der Grippewellen im Januar und Februar wider. In den darauffolgenden Wochen berichten viele Menschen zusätzlich über ausgeprägte Müdigkeit und Erschöpfung, die typischerweise als Frühjahrsmüdigkeit beschrieben wird.
  • Wenn der Körper den Stoffwechsel – also die Prozesse, mit denen Nahrung in Energie umgewandelt wird – herunterfährt, wir aber weiterhin normal essen, kommt es zu sogenannten metabolischen Problemen. Das bedeutet, dass Energie nicht mehr sinnvoll verarbeitet wird: Der Körper spart, obwohl kein Mangel besteht. Die Folge sind Müdigkeit, Erschöpfung und depressive Verstimmungen, die keinen schützenden oder sinnvollen Zweck mehr erfüllen.

Die Sterblichkeit ist in den Wintermonaten statistisch erhöht.

Das Argument der „Natürlichkeit“ – eine kritische Betrachtung
  • Häufig wird eingewandt, der Körper löse bestimmte Prozesse „nicht ohne Grund“ aus. Das ist grundsätzlich richtig. Doch Natürlichkeit allein ist kein verlässliches Kriterium für Gesundheit oder Sinnhaftigkeit.
  • Zahlreiche natürliche Phänomene akzeptieren wir heute nicht mehr unreflektiert: Im Winter wächst im Freiland kein Gemüse – dennoch verzichten wir nicht darauf.
  • Bäume stellen ihr Wachstum ein, viele Vogelarten ziehen in den Süden.
  • Beides sind biologisch sinnvolle Anpassungen an Umweltbedingungen, die für den Menschen theoretisch ebenfalls naheliegend wären, praktisch jedoch weder realistisch noch wünschenswert sind.
Wissenschaftliche und historische Einordnung
  • Epidemiologische und klinische Studien zeigen, dass ein dauerhafter Aufenthalt in nördlichen Breitengraden mit geringerer Sonnenexposition häufig mit niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln einhergeht und mit einer reduzierten Lebenserwartung assoziiert ist.
  • Innerhalb Europas finden sich besonders hohe durchschnittliche Lebenserwartungen in Regionen mit ganzjährig besserer Sonneneinstrahlung, etwa im Mittelmeerraum.
  • Zum Vergleich lag die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen in der Steinzeit bei etwa 35 bis 40 Jahren.
  • Dies verdeutlicht, dass evolutionär entstandene biologische Programme nicht automatisch auf ein langes Leben unter modernen Umwelt- und Lebensbedingungen ausgelegt sind.

Zu 2: Grippewellen: Kein natürlicher Nutzen, sondern Zeichen geschwächter Abwehr 

  • Die Annahme, dass Grippewellen „wichtig“ oder notwendig für ein gesundes Immunsystem seien, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Richtig ist: Das Immunsystem benötigt Reize und Kontakt mit Umweltkeimen, um zu lernen und funktionsfähig zu bleiben. Das bedeutet jedoch nicht, dass schwere Infekte oder ausgeprägte Grippewellen gesund oder förderlich wären.
  • Eine Grippewelle entsteht nicht, weil der Körper sie braucht, sondern weil das Immunsystem in dieser Zeit besonders geschwächt ist. Genau das zeigt sich jedes Jahr erneut: Die höchsten Infektionszahlen treten dann auf, wenn der Vitamin-D-Spiegel in der Bevölkerung am niedrigsten ist – typischerweise im Spätwinter und frühen Frühjahr.
  • Vitamin-D-Mangel beeinträchtigt die angeborene Infektabwehr und senkt die Fähigkeit des Körpers, Viren frühzeitig abzuwehren. In diesem Zustand kommt es häufiger zu schweren Verläufen und massenhaften Infektionen. Das ist kein Trainingseffekt, sondern ein Zeichen reduzierter Abwehrkraft.
  • Ein funktionierendes Immunsystem braucht Stabilität und gute Voraussetzungen – nicht wiederkehrende Grippewellen als Belastungsprobe. Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung unterstützt genau diese Grundlage, ohne natürliche Immunprozesse zu „unterdrücken“ oder unnatürlich einzugreifen.

Grippewellen und Vitamin-D-Mangel: Viele Todesfälle wären vermeidbar

  • In der Winterzeit könnten durch den Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels zahlreiche unnötige Todesfälle vermieden werden.
  • Besonders während der Grippewellen sterben jedes Jahr Menschen nicht allein an der Virusinfektion selbst, sondern an einer geschwächten Immunabwehr, die unter anderem mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln zusammenhängt.

Die Einsicht

  • Das winterliche Absinken des Vitamin-D-Spiegels ist ein sinnvolles Überbleibsel aus einer Zeit, in der Nahrungsmangel und harte Umweltbedingungen das Überleben bestimmten. Unter den heutigen Lebensumständen mit ganzjähriger Versorgung, wenig körperlicher Notwendigkeit zur Energieeinsparung und deutlich längerer Lebenserwartung passt dieses Programm jedoch nicht mehr zur Realität.
  • Was früher Schutz bot, kann heute zu einer Belastung für Immunsystem, Stoffwechsel und psychisches Wohlbefinden werden. Evolution hilft uns zu verstehen, warum der Körper so reagiert - sie bedeutet jedoch nicht, dass jede dieser Reaktionen unter modernen Bedingungen weiterhin gesund oder sinnvoll ist.
  • Besonders während der Grippewelle im Winter ist Vitamin D entscheidend, damit das Immunsystem nicht im Energiesparmodus bleibt, sondern Infekte wirksam abwehren kann. Deshalb sollten. Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung sollte daher nicht nur im Sommer, sondern ganzjährig sichergestellt werden, um den Körper nicht unnötig in einen winterlichen Sparmodus zu zwingen.
  • Die gehäuften Todesfälle in den Wintermonaten sind kein zufälliges oder unvermeidbares Naturereignis, sondern stehen in engem Zusammenhang mit einer saisonal geschwächten Immunabwehr. Ein wesentlicher Faktor dabei ist der weit verbreitete Vitamin-D-Mangel, der genau zu jener Zeit seinen Tiefpunkt erreicht, in der Infektionen, schwere Krankheitsverläufe und Sterblichkeit zunehmen. Viele dieser Todesfälle entstehen nicht durch das Virus oder die Erkrankung allein, sondern durch eine unzureichende körpereigene Abwehr. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Ein erheblicher Teil der winterlichen Übersterblichkeit wäre vermeidbar, wenn der Vitamin-D-Mangel konsequent ausgeglichen würde.

Anmerkung:  Jedem ist die Entscheidung freigestellt:

  • Gefängnis-Level:  Vitamin-D-Spiegel im Bereich von bis 17 ng/ml (durchschnitlliche Vitamin-D-Spiegel im Winter) zu halten mit allen Konsequenzen des "Winterprogramms"
  • Urlaubs-Level: Vitamin-D-Spiegel im Dauer-Urlaubs-Level (50-100 ng/ml) halten für ganzjährig optimale Körperfunktionen und einem intakten Immunsystem.

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