HEFT: Über späte Rachitis - Rachitis tarda (1903)

Autor:
Professor Dr. E. Roos

  • Assitent der Poliklinik 


Aus dem Inhalt:

Das Vorkommen von später RACHITIS, d.h. einer Rachitis die erheblich nach der Zeit ihres gewöhnlichen Auftretens in den ersten drei Lebensjahren sich einstellt, wird vielfach bezweifelt oder wenigstens von erfahrenen Kinderärzten als eine große Seltenheit bezeichnet. So schreibt Messner im Jahre 1828.
"Nur sehr selten kommt sie in späteren Lebensjahren vor. Doch haben wir selbst einen elf - und einen fünfzehnjährigen Knaben behandelt, welche hochgradig an der englischen Krankheit litten. Bei dem ersteren waren die Röhrenknochen so mürbe, dass er bei jedem unbedeutenden Falle auf dem Fußboden einen Knochenbruch erlitt, was in zwei Jahren fünfmal der Fall war. 
Bei dem zweiten krümmten sich die Füße ungewöhnlich, das Rückgrat beugte sich ganz zusammen, er konnte am Ende weder stehen noch sitzen, zehrte ab, bekam hectisches Fieber und starb, nachdem sich in einer Zeit von drei Jahren sein Zustand zweimal soweit gebessert hatte, dass er ohne Unterstützung im Freien sich Bewegung machen konnte."
(Seite 2)

Die Kranke ist ein zwölfjähriges Mädchen, (...) Das Kind war etwas in seiner Entwicklung zurück, lernte erst mit 3 1/2 Jahren gehen und bekam erst spät Zähne. Am Spiel außer dem Hause beteiligte sie sich nie gern, lief aber wie andere Kinder und die Beine waren völlig gerade. Im Alter von 10 1/2 wurden die ersten Verbiegungen an denselben bemerkt. Der Gang verschlechterte sich und etwa 1 Jahr später waren die Auftreibungen der Knochenenden ausgesprochen. 
(Seite 16)

Ein besonders bemerkenswerten Fall von verschleppter Rachitis, bei dem das sehr seltene Vorkommnis eintrat, dass im 10. Jahre alle Milchzähne verschwunden waren, aber in Folge der Krankheit noch kein einziger der bleibenden Zähne, die zum Ersatz des Milchgebisses bestimmt sind, durchgebrochen war, beschreibt (Kassowitz). Nur die 3 Backenzähne waren vorhanden, die gewöhnlich zur Zeit des Zahnwechsels erscheinen.
Die Kranke konnte mit 13 Monaten alleine gehen, nach einer Variola, die sie mit 17 Monaten überstand, aber nicht mehr. 
Mit 10 jahren betrug das Längenmaß des Körpers 79 cm, dass nach Quetelet 124,8 betragen sollte.
Die Clavikeln, die Wirbelsäule, sowie alle Röhrenknochen der oberen und unteren Extremitäten zeigten die hochgradisten Verkrümmungen, die Epiphysen der letzteren bedeutende Auftreibungen.
Schon zwei Wochen nach Beginn der Phosphorbehandlung fing das Kind an die ersten selbstständigen Schritte zu machen, später lernte sie den Knochenverkrümmungen entsprechend wieder leidlich gehen und zwei Monate nach Beginn der Einnahme brachen die unteren Schneidezähne durch.
(Seite 19)