BUCH: Pathologie und Therapie bei Rachitis (1863)

Autor:
Dr. Gottfried von Rittershain


Aus dem Inhalt:
Symptomatologie:

Die meisten charakteristischen Symptome der RACHITIS betreffen das Skelettsystem. (...) 
Ich gebe zunächst eine Schilderung dieser für die Symptomologie der beginnenden RACHITIS besonders wichtigen Allgemeinerscheinungen. Diesselben sind recht vieldeutig. Die Kinder werden unruhig, schlafen nicht mehr so gut (...) und weinen viel. Gegen Druck, ja schon gegen sanftes Anfassen besteht eine auffallende Empfindlichkeit. Bemerkenswert ist das Einbohren des Hinterkopfes in die Kissen; die Kinder wälzen, wenn sie auf dem Rücken liegen, besonders auch im Schlaf, den Kopf hin und her; nimmt man sie vorsichtig auf, oder legt man sie auf die Seite, so werden sie sofort ruhig. Kinder jenseits des ersten Lebenshalbjahres lernen in diesem Zustande spontan die Seitenlage aufzusuchen, nicht selten legen sie sich allmählich sogar halb oder ganz auf das Gesicht. Werden solche Kinder getragen, so wird ihnen der Kopf schnell schwer, und sie lehnen sich dann mit der Wange oder Stirn gegen Gesicht oder Schulter der Tragenden. 
Eines der wichtigsten allgemeinen Symptomen sind ferner die rachitischen Schweiße. Diesselben bertreffen nicht ausschließlich, aber auszugsweise den Kopf; sie sind oft außerordentlich heftig, namentlich im Schlaf und beim Schreien. Des Morgens ist das Kissen da, wo der Kopf aufgelegen hat, oft ganz durchnässt. Der Schweiß hat eine klebrige Beschaffenheit, und riecht und reagiert deutlich sauer. Vielfach entstehen infolge des starken Schwitzens Sudamina oder Ekzeme. 
Ein weiteres nicht allgemein bekanntes initiales Symptom ist eine Steigerung der vasomotorischen Erregbarkeit der Haut, sodass überall, wo man hinfasst, sehr bald darauf blaue Flecken sichtbar werden.
Sehr häufig hört man ferner die Klage, dass der Urin der Kinder einen ungewöhnlich scharfen, durchdringenden Geruch angenommen habe. (Stoeltzner)
Bei der Unruhe und der Empfindlichkeit und den starken Schweißen ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder meist sehr bald ihr bisheriges frisches Aussehen verlieren und mehr oder weniger schlaff und blass werden.
Von vielen Autoren werden ferner Störungen der Stuhlentleerung, insbesondere ein Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall, zu den Allgemein- bzw. Initialsymptomen der RACHITIS gerechnet. 
Bei Kindern welche schon laufen konnten, ist die Unlust zum Laufen oft ein frühes Symptom.

Die klinischen Symptome am Skelettsystem:
(...) (Die Epiphysen der langen Röhrenknochen und die Verbindungsstellen zwischen den knöchernen Rippen und den Rippenknorpeln schwellen an, sodass die Diaphysen (...) im Verhältnis zu den Epiphysen dünn aussehen.
(...) An Hand-, Fuß- und Kniegelenk können die Epiphysen bis auf das doppelte ihres normalen Volumens sich vergrößern (...) wie unter der Haut liegende dicke Knoten; in der Ebene der Gelenkspalte bildet dann, besonders am Handgelenk, die Haut nicht selten eine Falte.
(...) die Vorbedingung für erheblichere Formveränderungen ist aber immer eine traumatische Einwirkung, die den abnorm weichen Knochen einknickt oder frakutiert. Infraktionen werden bei RACHITIS nicht selten übersehen, und die Krümmungen, die dann zurückbleiben, dann als einfache Folge der Erweichung gedeutet (Virchow) (...) Die feste Konsolidierung des Callus ist bei Rachitischen verzögert. 
Die traumatische Gewalt, die dazugehört einen rachitischen Knochen einzuknicken, oder zu brechen, ist umso geringer, je höhergradig der Knochen erweicht ist. In den schlimmsten Fällen ist schon vorsichtiges Umbetten des Kindes genügend. Da kann man dann multiple, mehr oder wenig spitzwinklige, der Mehrzahl nach meist schon mit Callusbildung versehene Infraktionenan den Schlüsselbeinen, den Rippen, den Vorderarmknochen, den Oberschenkeln u.s.w. antreffen, wodurch Bilder bejammerswerter Verkrüppelung zustande kommen. Manchmal erweichen die Knochen in kurzer Zeit, unter den Augen es Beobachters, in auffallendem Maße. Es kann nicht bezweifelt werden, das auch in Fällen weniger hochgradiger Erweichung der Knochen Infraktionen durch gewaltsame Muskelkontraktionen zustande kommen können. Insbesondere sieht man manchmal als unmittelbare Folge tetanischer oder eklamptischer Krampfanfälle Infraktionen der Vorderarmknochen auftreten.
Bei länger andauernder RACHITIS erfolgt häufig eine Beeinträchtigung des Längenwachstums. (...) Nach Guerin sind Kinder, die etwa seit einen Jahr an RACHITIS leiden, in der Regel kleiner, und alle Teile des Skeletts kürzer, als es bei gesunden gleichaltrigen Kindern der Fall ist. (...) An manchen Knochen kann nach Guerin die Reduktion bis zur Hälfte der normalen Länge betragen; am meisten bleiben immer die Knochen der Extremitäten, namentlich, die der unteren, im Wachstum zurück. 
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