BUCH: Beiträge der Zahnkrankheiten des Kindesalters (1912)

Autor:
Dr. med. Günther Fritsche 

Arzt und Zahnarzt 
 

Aus dem Inhalt:


Birkenthal äußert sich über die Rolle, die die RACHITIS bei der Entstehung von Schmelzdefekten einnehmen soll, folgendermaßen: "Die größte Zahl von Anhängern hat wohl heute die Richtung, die bei der Entstehung von Schmelzdefekten der RACHITIS die hervorragenste Rolle zuerteilt. Von dieser Krankheit hat man ja auch erst den Namen "rachitische Zähne" abgeleitet. 
(...) Insofern als die RACHITIS am Kopf zeitlich zuerst und zwar häufig schon sehr früh und selbst vor der Geburt auftritt, ist es begreiflich, dass die Zahnerosionen meist im ersten Lebensjahr, unter Umständen aber auch schon vor der Geburt entstehen. Wo die Erosion sehr stark ist, weist sie auf eine schwere rachitische Erkrankung; in solchen Fällen ist diese auch stets auffällig genug, um weder vom Arzt noch vom Anatomen übersehen zu werden.
Die Fälle finden sich besonders vom zweiten Lebensjahr an, während mittlere Grade häufiger auch schon in der zweiten Hälfte des ersten Jahres, und die leichtesten Fälle, die unter Umständen die bleibenden Zähne ganz frei lassen, sogar noch früher zur anatomischen Beobachtung kommen. Die große Häufigkeit der Erosionen bei Leichen erklärt sich zum Teil dadurch, dass die Schwere der RACHITIS den tödlichen Ausgang begünstige, zum anderen teile aber einen Folgezustand der schließlich zum Tode führenden chronischen Erkrankung darstellte.
Die von Birkenthal untersuchten Fälle von Schmelzdefekten an den Zähnen jüngerer Kinder ließen sich fast ausnahmslos mit RACHITIS in Verbindung bringen.
(...) Wie häufig sehen wir bei kleinen Kindern die sicheren Zeichen von RACHITIS ausgesprochen, wie Crabiotabes, rachitischen Rosenkranz, Auftreibungen der Epiphysen, hervorstehende Tubera frontalia, die später wieder verschwinden können, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Genau daselbe gilt von der Kieferrachitis. Auch sie kann im Laufe des Wachstums und nach dem Abklingen des rachitischen Prozesses wieder verschwinden und hinterlässt als einziges Zeichen mehr oder minder erodierten Zähne. 
Birkenthal teilt mit, das in 85 Prozent seiner Fälle anamnestisch sich RACHITIS festellen ließ: Rachitische Schmelzdefekte nach Birkenthal.
(Seite 46, 47,48)

Fälle:
  • Ernst L., ist 3 Jahre alt -Rachitis. Die zähne des Oberkiefers haben eine brüchige Beschaffenheit und beseitzen ein kreidiges Aussehen.
  • Fritz Sch., 3 1/2 Jahre alt. Die unteren Eckzähne zeigen flächenhafte Schmelzdefekte. Die oberen Eckzähne zeigen multiple tiefe Schmelzdefekte. Das Kind hat eine schwere RACHITIS durchgemacht, hat auch häufig an Lungenkatarrhen zu leiden. KIEFERRACHITIS nachweisbar.
  • Georg D., 5 Jahre alt. RACHITIS und KIEFERRACHITIS. Die oberen Canina sind klein und weisen punktförmige Schmelzdefekte auf.
  • Robert W., 5 1/2 Jahre alt. Chronische Pneumonie. Die inneren unteren Schneidezähne zeigen in symetrischer Anordnung furchenförmige Schmelzdefekte. An den oberen Caninis finden sich napfförmige Schmelzdefekte. Das Kind ist tuberkulös belastet. RACHITIS. ROSENKRANZ. 
  • Karl K.; 9 Jahre. An den mittleren oberen bleibenden Schneidezähnen stufenförmige Erosion. Das obere Drittel der unteren bleibenden Schneidezähne ist atrophisch, verdünnt, bräunlich . RACHITISCHER ROSENKRANZ. Unterarmknochen verdickt. Starke Tubera.
  • Emma H.; 2 1/2 Jahre. RACHITIS. Zähne erst im Durchbruch. KIEFERRACHITIS.
  • Frieda R. Die untere Hälfte der beiden mittleren oberen Schneidezähne ist ganz erodiert und scharf gegen die obere abgegrenzt. Ein Gleiches an den sämtlichen unteren Zähnen. Frühere RACHITIS nachweisbar. Der Vater starb an Phthise (Lungentuberkulose, Schwindsucht)

Birkenthal hat weit über 1000 Kinder untersucht und bei 600 Kindern Karies gefunden. Halskaries sah er nur in 50 Fällen. Unter diesen letzteren befanden sich 8 mit manifester Tuberkulose. 11 sehr schwächliche Kinder mit hereditärer Belastung (in 4 Fällen waren die Väter an Tuberkulose gestorben, in 2 Fällen die Mütter und in 4 Fällen waren mehr als 2 Geschwister an tuberkulösen Erkrankungen zugrunde gegangen) und 3 Kinder, bei denen eine Belastung nicht nachweisbar war, aber sie war auch nicht mit Sicherheit auszuschließen. 
(Seite 57)