BUCH: Über Sterine, Gallensäuren und verwandte Naturstoffe (1936)

Herzgifte, Hormone, Saponine und Vitamin D


Autoren:
Dr. H. Lettre` und Dr. H. H. Inhoffen

Geleitwort: Prof. Dr. A. Windaus

Direktor des allgemeinen chemischen Universitäts-Laboratorium Göttingen


Aus dem Inhalt:

RACHITIS und Licht - Existenz eines Provitamins
Schon im jahre 1912 sprach Raczyniski die Vermutung aus, dass RACHITIS mit einem Mangel an Sonnenlicht zusammenhängen könne. 1919 konnte der Berliner Arzt Huldschinsky an einem breiten klinischen Material zeigen, dass das Sonnenlicht, und vor allem das ultraviolette Licht, eine vorzügliche Eignung als Heilmittel gegen die RACHITIS zeigt. Einen Zusammenhang zwischen RACHTIS-heilenden Faktoren und dem Licht konnten auch Hess und Lundagen feststellen, die fanden, dass der Gehalt des Blutes an freiem Phosphat parallel mit den jahreszeitlichen Schwankungen des Sonnenlichtes an ultravioletten Wellen ansteigt und absinkt. Ratten, die rachitogene Kost erhalten, lassen sich auf diese Weise auch vor RACHITIS schützen. Das ultraviolette Licht zeigt die gleiche Wirkung, die auch einem Stoff, dem Vitamin D, zukommt.
Diese scheinbar zusammenhanglosen Arten der Heilwirkung von Licht und einem Vitamin konnten Steenbook und Hess auf einen gemeinsamen Grund zurückzuführen: Sie fanden nahezu gleichzeitig und unabhängig voneinander, dass es gar nicht notwendig ist, den RACHITSKRANKEN oder dem kranken Tier der Einwirkung des ultravioletten Lichts auszusetzen, sondern das es genügt seine Nahrung zu bestrahlen. Dieser Effekt muss so gedeutet werden, dass in den Nahrungssstoffen und auch in der Haut eine Substanz vorhanden ist, die als solche nicht antirachitisch wirksam ist, sondern erst durch das ultraviolette Licht in ein Vitamin übergeführt wird. Deutlich erkennt man die Existenz eines solchen "Provitamin D" z.b. an der Tatsache , dass Milch, die unbestrahlt pro Gramm 0,001 klin. Einheiten enthält nach der Ultraviolettbestrahlung eine Wirkung von 0,8 Einheiten hat. Pflanzenöle, die vor der Bestrahlung nahezu pysiologisch unwirksam sind, werden durch Bestrahlung wirksam. Auch die photochemische Bildung des natürlichen Vitamins aus einem Provitamin scheint wahrscheinlich. Sommermilch zeigt eine größere Wirksamkeit als Wintermilch. (...) frei gewachsene Pilze gegenüber Champignons. Umso merkwürdiger aber muss der hohe Gehalt der Fischleber an Vitamin D erscheinen, wenn man die photochemische Bildung des Vitamins aus einem Provitamin als einzige Möglichkeit zu seiner Entstehung annhemen will, denn diese tieflebenden Fische, wie der Dorsch, dürften kaum von einer ausreichenden Menge kurzwelligen Lichts zur Durchführung der Photoreaktion erreicht werden. Zur Erklärung wird angenommen, dass diese Tiere ein ungewöhnlich großes Speicherungsvermögen für das Vitamin D besitzen. 

(Seite 281 - 282)