
Gibt es gegen die Bipolare Störung eine neue Chance durch NANA10?
Was ist eine bipolare Störung?
- Eine bipolare Störung ist eine psychische Erkrankung, bei der die Stimmung zwischen depressiven Phasen und manischen oder stark gehobenen Phasen wechseln kann. Dabei verändern sich nicht nur die Stimmung, sondern auch Antrieb, Schlaf, Denken und Verhalten deutlich.
Bipolare Störung und Darm-Permeabilität: Serum-Zonulin und I-FABP am stärksten erhöht
Übersicht des Themas in allgemeinverständlicher Form
Frage 1: Was hat die Darmbarriere mit bipolarer Störung zu tun?
- Die „Leaky-Gut“-Hypothese geht davon aus, dass eine durchlässigere Darmwand Entzündungsprozesse im Körper fördern kann.
- Diese Entzündungen könnten über die Darm-Hirn-Achse auch bei psychischen Erkrankungen wie der bipolaren Störung eine Rolle spielen.
- Dabei können Bestandteile von Darmbakterien vermehrt aus dem Darm in den Blutkreislauf gelangen.
- Über verschiedene Entzündungswege könnten diese Vorgänge schließlich auch das Gehirn beeinflussen.
Frage 2: Welche Blutwerte werden dafür gemessen?
- Zonulin gilt als wichtiger Marker für die Durchlässigkeit der Darmwand.*
- i-FABP zeigt an, ob Darmzellen geschädigt wurden.*
- LBP und sCD14 geben indirekte Hinweise darauf, ob Bestandteile von Darmbakterien in den Blutkreislauf gelangt sind.*
- Diese vier Marker erfassen unterschiedliche Vorgänge im Körper und können daher nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden.
Frage 3: Was zeigen die Studien bei bipolarer Störung konkret?
- Serum-Zonulin ist bei bipolarer Störung der am besten untersuchte Marker und in den meisten Studien erhöht.*
- Auch i-FABP ist wiederholt erhöht und weist auf eine Schädigung der Darmzellen hin.
- Für LBP und sCD14 sind die Ergebnisse weniger einheitlich und teilweise widersprüchlich.
- Zonulin im Stuhl (fäkales Zonulin) wurde bei bipolarer Störung bisher nur selten gezielt untersucht.*
Frage 4: Was bedeuten diese Werte für Betroffene?
- Erhöhte Werte von Zonulin und i-FABP könnten darauf hinweisen, dass die Darmbarriere bei bipolarer Störung mitbeteiligt ist.
- Die bisherigen Ergebnisse sind jedoch durch kleine Studien und methodische Schwächen eingeschränkt.
- Ein direkter ursächlicher Zusammenhang mit der bipolaren Störung ist damit noch nicht bewiesen.
- Es sind größere und längerfristige Studien notwendig, bevor diese Marker klinisch sinnvoll genutzt werden können.
Bipolare Störung und Darmbarriere-Biomarker: Serum-Zonulin und I-FABP am stärksten erhöht
1. Fragestellung
- Ist bipolare Störung mit pathologischen Werten der intestinalen Permeabilität assoziiert?
- Die Hypothese der "Leaky-Gut"-Dysfunktion besagt, dass eine gestörte intestinale Barriere den Übertritt mikrobieller Produkte …
- … wie Lipopolysaccharide (LPS) in die systemische Zirkulation ermöglicht (Safadi et al. 2021; Rudzki & Szulc 2018).
- Dies löst über TLR-4-vermittelte Entzündungswege neuroinflammatorische Prozesse aus, die bei bipolarer Störung (BD) relevant sein könnten (Binder et al. 2025).
- Zonulin (Prä-Haptoglobin-2) ist der einzige bekannte physiologische Modulator epithelialer Tight Junctions (Zengil & Laloğlu 2023; Baykan et al. 2025).
- I-FABP (FABP2) ist ein zytoplasmatisches Protein der Enterozyten, das bei Epithelschädigung freigesetzt wird (Yıldız et al. 2025; Ohlsson et al. 2018).
- LBP und sCD14 sind Akute-Phase- bzw. Monozyten-Aktivierungsmarker, die indirekt bakterielle Translokation reflektieren (Iordache et al. 2022; Safadi et al. 2021).
- Serum-Zonulin wurde am häufigsten erhöht gefunden (Kılıç et al. 2020; Zengil & Laloğlu 2023; Baykan et al. 2025).
- I-FABP ist ebenfalls konsistent erhöht (Yıldız et al. 2025; Jensen et al. 2022).
- Die Befunde zu LBP und sCD14 sind heterogener (Ioannou et al. 2025; Couce et al. 2023; Borkent et al. 2020).
- Fäkales Zonulin wurde in BD-spezifischen Studien kaum untersucht (Borkent et al. 2024).
2. Methoden
- Die Suche erfolgte über die Consensus-Datenbank mit Zugriff auf über 170 Millionen Forschungsarbeiten.
- Sechs Forschungsgruppen deckten Kerntheorie, BD-spezifische Studien, alternative Terminologie, Vergleiche mit anderen Erkrankungen, methodische Vielfalt und Null-Befunde ab.
- Maschinelles Relevanzfiltering reduzierte 230 gescreente Publikationen auf 107 relevante.
- Die 50 am höchsten bewerteten Arbeiten gingen in die Synthese ein.
- Insgesamt wurden 44,1 Millionen Arbeiten retrieved, 1.500 als geeignet eingestuft, 50 eingeschlossen, aus 21 Suchen und einer Nutzung des Zitationsgraphen.
- Die Strategie kombinierte BD-spezifische Suchen mit breiten Biomarker-Synonymen und gezielter Suche nach widersprüchlichen Befunden.
3. Ergebnisse
Zentrale Arbeiten
- Kılıç et al. (2020) lieferten die erste kontrollierte Studie zu Serum-Zonulin und Claudin-5 bei BD.
- Die Metaanalyse von Safadi et al. (2021) integrierte Zonulin-Daten über schwere psychische Erkrankungen einschließlich BD.
- Ioannou et al. (2025) lieferten das aktuellste integrative Review zur Differenzierung der Biomarker.
Serum-Zonulin bei bipolarer Störung
- Serum-Zonulin ist der am besten untersuchte Parameter und zeigt in der Mehrheit der Studien signifikante Erhöhungen.
- Kılıç et al. (2020) fanden erhöhte Serum-Zonulin- und Claudin-5-Spiegel bei 41 BD-Patienten gegenüber 41 Kontrollen.
- Zengil und Laloğlu (2023) bestätigten erhöhte Serum-Zonulin- und Occludin-Spiegel bei 44 Patienten, unabhängig von der Krankheitsphase.
- Baykan et al. (2025) fanden signifikant erhöhtes Serum-Zonulin bei 47 Patienten gegenüber 51 Kontrollen (padj = 0,012).
- Thabet et al. (2024) berichteten bei 200 BD-I-Patienten höhere Zonulin-Spiegel, die in akuten Episoden noch höher waren.
- Parlakkaya Yıldız et al. (2025) fanden signifikant erhöhte Serum-Zonulin- und I-FABP-Spiegel bei 40 Patienten (p < 0,001) (Yıldız et al. 2025).
- Die Metaanalyse von Safadi et al. (2021) bestätigte erhöhte Zonulin-Spiegel über vier Studien bei BD und Depression (SMD = 0,97; p = 0,03).
- Allerdings existieren widersprüchliche Befunde.
- Aydın et al. (2020) fanden bei 30 BD-I-Patienten keinen Unterschied im Plasma-Zonulin und wiesen auf methodische ELISA-Probleme hin (Aydın et al. 2020).
- Maget et al. (2021) fanden keinen Unterschied zwischen depressiven und euthymischen affektiven Patienten (Maget et al. 2021).
- Eine Adoleszenten-Studie berichtete sogar signifikant niedrigere Serum-Zonulin-Spiegel bei BD-I-Patienten (Ahmed et al. 2026).
I-FABP, LBP und sCD14 bei bipolarer Störung
| Biomarker | Befund bei BD | Evidenzstärke | Citations |
|---|---|---|---|
| I-FABP (Serum) | Signifikant erhöht bei BD vs. Kontrollen | Moderat; repliziert | (Yıldız et al. 2025; Jensen et al. 2022) |
| LBP (Serum) | Erhöht bei ~40% der BD-Patienten; assoziiert mit CRP und BMI | Schwach; eine BD-spezifische Studie | (Couce et al. 2023) |
| sCD14 (Serum) | Keine Erhöhung bei BD; heterogen bei anderen Diagnosen | Schwach; widersprüchlich | (Couce et al. 2023; Ioannou et al. 2025) |
- I-FABP zeigte sich bei BD-Patienten signifikant erhöht und korrelierte mit kognitiven Parametern (Yıldız et al. 2025).
- In einer großen SMI-Kohorte (n = 567) waren I-FABP und LBP bei affektiven Störungen am höchsten (Jensen et al. 2022).
- LBP war bei 39,5% der BD-Patienten erhöht und korrelierte mit systemischer Entzündung (Couce et al. 2023).
- sCD14 zeigte bei BD keine Erhöhung, war aber mit manischen Episoden assoziiert (Couce et al. 2023; Ioannou et al. 2025).
Fäkales Zonulin und methodische Aspekte
- Fäkales Zonulin wurde in BD-spezifischen Studien kaum untersucht.
- Eine Probiotika-RCT bei BD- und Schizophrenie-Patienten maß Serum- und fäkales Zonulin und fand signifikante Reduktionen unter Probiotika (Borkent et al. 2024).
- Kommerzielle Zonulin-ELISAs detektieren strukturell verwandte Proteine statt Zonulin selbst, was die Interpretation erschwert (Borkent et al. 2024).
- Eine Validierungsstudie fand, dass Plasma-LBP am konsistentesten mit dem Goldstandard-Lactulose/Mannitol-Test korrelierte (Seethaler et al. 2021).
- Fäkales Zonulin war dort nur bei übergewichtigen Personen assoziiert (Seethaler et al. 2021).
Konsens-Meter
- Auf die Frage, ob bipolare Störung mit erhöhter Darm-Permeabilität assoziiert ist, spricht die Mehrheit der Studien für Zonulin und I-FABP dafür.
- Konsens-Lücke (fäkales Zonulin, LBP): weniger als 5 BD-spezifische Studien beantworten diese Teilfragen direkt.
Diskussion
- Die Evidenz für erhöhte Darm-Permeabilität bei BD stützt sich primär auf Serum-Zonulin-Messungen aus mehreren Fall-Kontroll-Studien (Kılıç et al. 2020; Safadi et al. 2021).
- Die Befunde sind durch kleine Stichproben, fehlende Longitudinalität und assay-spezifische Limitierungen eingeschränkt.
- Zonulin-Erhöhungen treten unabhängig von der Krankheitsphase auf, was ein Trait-Modell der Barrierefunktion stützt (Zengil & Laloğlu 2023; Kılıç et al. 2020).
- Dies steht im Widerspruch zu Berichten über höhere Werte in akuten Episoden (Thabet et al. 2024).
- I-FABP als Marker struktureller Enterozytenschädigung ergänzt den Befund, wird aber seltener direkt gemessen (Yıldız et al. 2025; Jensen et al. 2022).
- LBP und sCD14 zeigen inkonsistente Ergebnisse, teils weil sie indirekte statt direkte Permeabilitätsmarker sind (Ioannou et al. 2025; Couce et al. 2023).
- Ein wesentlicher Schwachpunkt bleibt die mangelnde Standardisierung der Zonulin-Messung (Borkent et al. 2024; Aydın et al. 2020).
Evidence
| Claim | Strength | Reasoning | Papers |
|---|---|---|---|
| Serum-Zonulin ist bei BD erhöht | Moderate | 5 Fall-Kontroll-Studien + 1 Metaanalyse; aber kleine Stichproben und Assay-Probleme | (Kılıç et al. 2020; Zengil & Laloğlu 2023; Baykan et al. 2025; Thabet et al. 2024; Safadi et al. 2021) |
| I-FABP ist bei BD erhöht | Moderate | 2 BD-spezifische Studien + 1 große SMI-Kohorte; weniger repliziert als Zonulin | (Yıldız et al. 2025; Jensen et al. 2022) |
| LBP ist bei BD pathologisch erhöht | Weak | Nur eine BD-spezifische Studie mit 38 Patienten; heterogene Befunde | (Couce et al. 2023) |
| sCD14 ist bei BD nicht erhöht | Moderate | Eine BD-Studie fand keine Erhöhung; Review bestätigt Heterogenität | (Couce et al. 2023; Ioannou et al. 2025) |
| Fäkales Zonulin ist bei BD verändert | Weak | Keine BD-spezifische Studie; nur RCT-Daten als Sekundärendpunkt | (Borkent et al. 2024) |
4. Zusammenfassung
- Bipolare Störung ist mit Veränderungen der Darm-Permeabilitäts-Biomarker assoziiert.
- Serum-Zonulin ist der am besten belegte Marker.
- I-FABP ist der am stärksten erhöhte strukturelle Schädigungsmarker.
- LBP und sCD14 zeigen inkonsistente Befunde.
- Fäkales Zonulin ist bei BD kaum untersucht.
- Die Evidenz ist vielversprechend, aber durch methodische Limitierungen und fehlende Longitudinalstudien begrenzt.
5. Quellen
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- Aydın, O., Kocabaş, T., Sarandöl, A., Taştan, İ., Onur, E., Aydemir, Ö., & Esen-Danacı, A. (2020). Examination of plasma zonulin levels in bipolar I disorder: a case–control study with follow-up. Journal of Neural Transmission, 127, 1419-1426. https://doi.org/10.1007/s00702-020-02234-7
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- Binder, L. B., Bevilacqua, L. M., Thomassen, F. G. L., Lebel, M., Jensen, B. A., & Ménard, C. (2025). Across Barriers: Blood–Brain and Gut Barrier Signaling in Psychiatric Disorders. Journal of Neurochemistry, 169. https://doi.org/10.1111/jnc.70282
- Borkent, J., Sommer, I., & Haarman, B. (2020). T12. The relationship of intestinal permeability factors with sociodemographic and physical health factors and PANSS scores in schizophrenia patients and healthy controls. Schizophrenia Bulletin, 46, S235. https://doi.org/10.1093/schbul/sbaa029.572
- Borkent, J., Ioannou, M., Neijzen, D., Haarman, B., & Sommer, I. (2024). Probiotic Formulation for Patients With Bipolar or Schizophrenia Spectrum Disorder: A Double-Blind, Randomized Placebo-Controlled Trial. Schizophrenia Bulletin, 51, 1568-1580. https://doi.org/10.1093/schbul/sbae188
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- Jensen, S. B., Sheikh, M. A., Akkouh, I., Szabo, A., O'Connell, K., Lekva, T., Engh, J., Agartz, I., Elvsåshagen, T., Ormerod, M., Weibell, M. A., Johnsen, E., Kroken, R., Melle, I., Drange, O., Nærland, T., Vaaler, A., Westlye, L., Aukrust, P., & Ueland, T. (2022). Elevated Systemic Levels of Markers Reflecting Intestinal Barrier Dysfunction and Inflammasome Activation Are Correlated in Severe Mental Illness. Schizophrenia Bulletin. https://doi.org/10.1093/schbul/sbac191
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- Yıldız, F. P. B., Çalış, A. K., Kılıçarslan, T., Güler, E., Boylu, M. E., Caglar, H., Yabacı, A., Kırpınar, İ., & Öztürk, A. (2025). The Relation of Zonulin and Intestinal Fatty Acid-binding Protein with Cognitive Functions in Patients with Bipolar Disorder. Clinical Psychopharmacology and Neuroscience, 24, 118-128. https://doi.org/10.9758/cpn.25.1335
- Zengil, S., & Laloğlu, E. (2023). Evaluation of Serum Zonulin and Occludin Levels in Bipolar Disorder. Psychiatry Investigation, 20, 382-389. https://doi.org/10.30773/pi.2022.0234
Top Contributors
- M. Ioannou lieferte zwei der einflussreichsten Arbeiten, darunter das aktuellste integrative Review.
- F. Kılıç veröffentlichte die erste kontrollierte Studie zu Zonulin bei bipolarer Störung.
- L. Ohlsson trug grundlegende Arbeiten zu Leaky-Gut-Biomarkern bei affektiven Störungen bei.
- Die führenden Zeitschriften waren das Journal of Affective Disorders, Schizophrenia Bulletin und Progress in Neuro-Psychopharmacology and Biological Psychiatry.
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