Gibt es gegen die Gestose eine neue Chance durch NANA10 ?



Gibt es gegen die Gestose eine neue Chance durch NANA10 ?


Was ist Gestose?

  • Eine Gestose ist ein Sammelbegriff für bestimmte Erkrankungen, die während einer Schwangerschaft auftreten können.
  • Häufig ist damit vor allem die Präeklampsie gemeint, bei der unter anderem Bluthochdruck und Eiweiß im Urinauftreten können. 
  • Zusätzlich sind Beschwerden wie starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, plötzlich zunehmende Wassereinlagerungen oder Schmerzen im Oberbauch möglich.
  • Eine Gestose sollte ärztlich eng überwacht werden, weil sie sowohl für die Mutter als auch für das ungeborene Kind gefährlich werden kann.

Präeklampsie und Darm-Permeabilitäts-Biomarker: Evidenz gemischt

Übersicht des Themas in allgemeinverständlicher Form

Frage 1: Was ist Präeklampsie und was hat sie mit dem Darm zu tun?

  • Die Präeklampsie, umgangssprachlich oft als Gestose bezeichnet, ist eine Schwangerschaftskomplikation mit Bluthochdruck, Entzündungsreaktionen und Störungen der Blutgefäße.
  • Forschende vermuten, dass dabei möglicherweise auch eine durchlässigere Darmbarriere („Leaky Gut“) eine Rolle spielen könnte.
  • Dadurch könnten Bestandteile von Darmbakterien leichter in den Blutkreislauf gelangen und Entzündungsprozesse im Körper fördern.
  • Untersucht werden dabei unter anderem fünf mögliche Darmbarriere-Marker: Zonulin im Blut, Zonulin im Stuhl, LBP, sCD14 und i-FABP.

Frage 2: Wie sicher ist der Zusammenhang beim Menschen belegt?

  • Beim Menschen ist die Studienlage widersprüchlich, vor allem beim wichtigsten Marker Zonulin.
  • Eine Studie fand bei schwangerschaftsbedingtem Bluthochdruck deutlich erhöhte Zonulin-Werte.
  • Eine andere Studie fand bei Präeklampsie-Patientinnen dagegen niedrigere Werte.
  • Eine dritte Studie fand gar keinen signifikanten Unterschied.

Frage 3: Was zeigen Tierversuche?

  • Mausmodelle liefern ein deutlicheres Bild als die Studien am Menschen.
  • Wurde der Mikrobiom-Stuhl von Präeklampsie-Patientinnen auf Mäuse übertragen, entwickelten diese Bluthochdruck.
  • Bei diesen Mäusen waren zusätzlich die Tight-Junction-Proteine der Darmwand reduziert, die die Darmbarriere abdichten.
  • Diese tierexperimentellen Befunde stützen die Idee einer gestörten Darmbarriere stärker als die Daten vom Menschen.

Frage 4: Was bedeuten die fünf Biomarker-Werte für Präeklampsie-Patientinnen?

  • Zonulin (Serum) und LBP wurden direkt gemessen, liefern aber uneinheitliche oder nur einzeln belegte Befunde.
  • i-FABP zeigte nur einen statistisch nicht gesicherten Trend nach oben.
  • sCD14 und fäkales Zonulin wurden bei Präeklampsie bislang gar nicht direkt gemessen.
  • Die Werte eignen sich derzeit nicht zur Diagnose oder Verlaufskontrolle von Präeklampsie.

Präeklampsie und Darm-Permeabilitäts-Biomarker: Evidenz gemischt

1. Fragestellung

  • Ist Präeklampsie mit pathologischen Werten spezifischer Darm-Permeabilitäts-Biomarker assoziiert?
  • Präeklampsie ist eine multifaktorielle Schwangerschaftskomplikation.
  • Sie geht mit systemischer Entzündung, endothelialer Dysfunktion und metabolischen Störungen einher (Guan et al. 2023; Zambella et al. 2024).
  • Wachsende Evidenz deutet darauf hin, dass eine gestörte Darmbarriere ("leaky gut") zur Pathogenese beitragen könnte.
  • Sie könnte dies tun, indem sie bakterielle Translokation und metabolische Endotoxämie auslöst (Di Vincenzo et al. 2023; Zambella et al. 2024).
  • Zonulin gilt als physiologischer Regulator der Tight Junctions und als der am häufigsten untersuchte Biomarker für Darmpermeabilität (Mutluoğlu et al. 2023; Zambella et al. 2024).
  • Auch LBP, sCD14 und i-FABP werden als Surrogatmarker herangezogen (Ioannou et al. 2025; Bibolar et al. 2025).
  • Eine Meta-Analyse fand höhere Zonulin-Konzentrationen bei Schwangerschaftskomplikationen, erreichte für hypertensive Störungen jedoch keine Signifikanz (Daneshvar et al. 2022).
  • Tierexperimentelle Studien zeigen, dass Fäkalmikrobiom-Transplantation von PE-Patientinnen bei Mäusen Tight-Junction-Proteine reduziert und systemische Entzündung auslöst (Zambella et al. 2024; Chen et al. 2020).
  • Die vorliegende Synthese bewertet fünf spezifische Permeabilitätsparameter und ihre Assoziation mit PE auf Basis von 50 ausgewerteten Publikationen.

2. Methoden

  • Die Suche erfolgte über die Consensus-Datenbank mit Zugriff auf über 170 Millionen Forschungspapiere (Semantic Scholar, PubMed und weitere Quellen).
  • Sechs Forschungsgruppen deckten Kernkonzepte, Biomarker-spezifische Studien, terminologische Varianten, kontradiktorische Befunde, verwandte Schwangerschaftskomplikationen und methodische Vielfalt ab.
  • Aus 3262 initial identifizierten Papern wurden nach Relevanzfilterung 240 gescreent.
  • 50 Publikationen wurden in die finale Synthese einbezogen.
  • Insgesamt wurden 20,7 Millionen Arbeiten retrieved, 2.900 als geeignet eingestuft, 50 eingeschlossen, aus 22 Suchen und einer Nutzung des Zitationsgraphen.

3. Ergebnisse

Zentrale Arbeiten

  • Die Schlüsselpublikationen umfassen die erste direkte Studie zu Zonulin und LBP bei PE von Mutluoğlu et al.
  • Dazu kommt die großangelegte PIH-Kohorte von Bawah et al.
  • Außerdem die multibiomarker-gestützte PE-Studie von Lv et al.
  • Diese drei Studien bilden das empirische Fundament für die Bewertung der fünf Parameter.

Biomarker-Vergleich bei Präeklampsie

Biomarker Befund bei PE Richtung Signifikanz Citations
Zonulin (Serum) 56,8 vs. 40,4 ng/ml bei PIH p<0,0001 (Bawah et al., 2020)
Zonulin (Serum) 14,8 vs. 16,8 ng/ml bei PE p=0,044 (Mutluoğlu et al., 2023)
Zonulin (Serum) 24,0 vs. 19,6 ng/ml bei PE p=0,553 (Lv et al., 2019)
LBP 11,4 vs. 14,9 µg/ml bei PE p=0,017 (Mutluoğlu et al., 2023)
i-FABP 1451 vs. 1091 pg/ml bei PE ↑ (Trend) p=0,068 (Lv et al., 2019)
sCD14 Nicht direkt bei PE gemessen (Wright et al., 2023)
Zonulin (fäkal) Nicht bei PE gemessen (Seethaler et al., 2021)
  • Die widersprüchlichen Zonulin-Befunde dominieren das Bild.
  • Bawah et al. fanden bei 88 PIH-Frauen signifikant erhöhte Plasma-Zonulin-Spiegel mit starker Korrelation (OR=1,805).
  • Sie fanden dies jedoch ohne signifikanten Unterschied zwischen PE und Gestationshypertonie (Bawah et al., 2020).
  • Dem gegenüber fanden Mutluoğlu et al. bei 22 PE-Patientinnen signifikant niedrigere Zonulin- und LBP-Werte als bei gesunden Schwangeren.
  • Sie deuteten dies als mögliche Immundefekt- oder Mangelernährungsfolge (Mutluoğlu et al., 2023).
  • Lv et al. fanden keinen signifikanten Zonulin-Unterschied (p=0,553), jedoch einen i-FABP-Trend (p=0,068) und signifikant erhöhte IL-6-Spiegel bei PE (Lv et al., 2019).

LBP, sCD14 und i-FABP im Schwangerschaftskontext

  • LBP wurde bei PE nur von Mutluoğlu et al. direkt gemessen, die niedrigere Werte fanden (Mutluoğlu et al., 2023).
  • Seethaler et al. validierten Plasma-LBP jedoch als BMI-unabhängigen Biomarker für Darmpermeabilität in der Allgemeinbevölkerung (Seethaler et al., 2021).
  • Wright et al. zeigten, dass erhöhte sCD14- und LBP-Konzentrationen in der frühen Schwangerschaft (<24. SSW) mit Frühgeburtlichkeit assoziiert sind (sCD14: OR 2,67).
  • Zudem korreliert sCD14 mit angiogener Dysregulation, einem für die PE-Pathogenese relevanten Mechanismus (Wright et al., 2023).
  • Shivakoti et al. bestätigten, dass sCD14 und i-FABP bei HIV-infizierten Schwangeren Frühgeburtlichkeit vorhersagen (i-FABP: aOR 2,28; sCD14: aOR 2,45) (Shivakoti et al., 2018).
  • i-FABP ist ein etablierter Marker für Enterozyten-Schaden, dessen Plasmawerte über 100 pg/mL mesenteriale Ischämie anzeigen (Turgunov et al., 2025).
  • Er korreliert zudem mit Krankheitsschwere und Mortalität (Turgunov et al., 2025).

Methodische Limitierungen und Zonulin-ELISA-Kontroverse

  • Die widersprüchlichen Zonulin-Befunde könnten methodisch bedingt sein.
  • Massier et al. kritisierten, dass kommerzielle Zonulin-ELISAs nicht tatsächlich Zonulin (pre-Haptoglobin 2) messen, sondern unbekannte Proteine.
  • Diese Messungen korrelieren zudem schlecht mit funktionellen Permeabilitätstests wie dem Lactulose-Mannitol-Test (Massier et al., 2020).
  • Arango-González et al. fanden, dass I-FABP, LBP und Claudin-3 nicht mit kardiometabolischer Gesundheit assoziiert waren.
  • Die als "Zonulin" vermarkteten Peptide korrelierten dagegen invers mit kardiometabolischer Dysfunktion (Arango-González et al., 2022).
  • Ioannou et al. betonten, dass Zonulin, LBP und sCD14 unterschiedliche, sequenzielle biologische Prozesse reflektieren und nicht interchangeabel verwendet werden sollten (Ioannou et al., 2025).

Konsens-Meter

  • Auf die Frage, ob Präeklampsie mit pathologischen Werten der Darmpermeabilität assoziiert ist, existiert nur begrenzte und uneinheitliche direkte Evidenz.

Forschungsentwicklung

  • Die Forschung entwickelte sich von frühen Zonulin-Messungen bei PIH (2018–2020) über multibiomarker-gestützte PE-Studien (2019–2023).
  • Anschließend folgten kritische Methodik-Bewertungen und tierexperimentelle Kausalitätsnachweise (2020–2025).

Diskussion

  • Die Studienlage zu Darmpermeabilitäts-Biomarkern bei PE ist durch kleine Stichproben (22–88 Patientinnen), heterogene Assay-Methoden und fehlende prospektive Multibiomarker-Panels limitiert (Mutluoğlu et al., 2023; Daneshvar et al., 2022).
  • Die Zonulin-ELISA-Kontroverse untergräbt die Validität der meisten Serum-Zonulin-Daten erheblich (Massier et al., 2020).
  • Dennoch liefern tierexperimentelle Studien überzeugende kausale Evidenz.
  • Fäkalmikrobiom-Transplantation von PE-Patientinnen induzierte bei Mäusen Hypertonie, Proteinurie und reduzierte Tight-Junction-Proteine (ZO-1, Occludin, Claudin-4) (Chen et al., 2020; Zambella et al., 2024).
  • Die systemische Entzündung bei PE mit erhöhten IL-6-, TNF-α- und CRP-Spiegeln ist gut belegt (Guan et al., 2023).
  • Zonulin korreliert bei übergewichtigen Schwangeren mit metabolischer Endotoxämie und Insulinresistenz, beides PE-Risikofaktoren (Turgunov et al., 2024; Cao et al., 2023).
  • sCD14 ist mit angiogener Dysregulation assoziiert (Wright et al., 2023).
  • Dies unterstreicht die potenzielle Relevanz mikrobieller Translokation für die plazentare Pathogenese, auch wenn sCD14 bei PE bisher nicht direkt gemessen wurde.

Evidence

Claim Strength Reasoning Papers
Serum-Zonulin ist bei PIH erhöht Moderate Eine Fall-Kontroll-Studie (n=148), aber ELISA-Validitätsprobleme und keine PE-spezifische Signifikanz (Bawah et al., 2020)
Serum-Zonulin und LBP sind bei PE erniedrigt Weak Einzelne kleine Studie (n=44), widersprüchlich zu anderer Evidenz, methodisch limitiert (Mutluoğlu et al., 2023)
i-FABP zeigt einen Aufwärtstrend bei PE Weak Nicht signifikant (p=0,068), einzelne Studie, kleine Stichprobe (Lv et al., 2019)
PE-Mikrobiom überträgt Barrierestörung und Entzündung auf Mäuse Moderate Zwei unabhängige FMT-Studien mit konsistenten Befunden, jedoch tierexperimentell (Chen et al., 2020; Zhao et al., 2025)
sCD14 und LBP in früher Schwangerschaft sagen Frühgeburt vorher Moderate Große Kohorte (n=1339), prospektiv, aber nicht PE-spezifisch (Wright et al., 2023; Shivakoti et al., 2018)

Forschungslücken

  • Die auffälligste Forschungslücke betrifft das Fehlen prospektiver Multibiomarker-Studien bei PE, die alle fünf Parameter gleichzeitig messen.
  • sCD14 und fäkales Zonulin wurden bei PE überhaupt nicht untersucht, und die Zonulin-ELISA-Kontroverse bleibt ungelöst (Massier et al., 2020; Mutluoğlu et al., 2023).
Biomarker PE direkt gemessen Tiermodell Schwangerschaftskomplikation Methodenvalidierung
Zonulin (Serum) GAP GAP GAP GAP
LBP GAP GAP GAP GAP
sCD14 GAP GAP GAP GAP
i-FABP GAP GAP GAP GAP
Zonulin (fäkal) GAP GAP GAP GAP

Offene Forschungsfragen

Question Why
Welcher Biomarker korreliert am stärksten mit PE-Schweregrad in prospektiven Multibiomarker-Panels? Die heterogenen Einzelmarker-Befunde erfordern kombinierte Assessment-Strategien zur klinischen Validierung.
Können validierte Zonulin-Assays (nicht kommerzielle ELISA) die widersprüchlichen PE-Befunde auflösen? Die ELISA-Kontroverse untergräbt die Validität aller bisherigen Serum-Zonulin-Daten bei PE.
Ist sCD14 als Prädiktor für PE in der frühen Schwangerschaft geeignet? sCD14 korreliert mit angiogener Dysregulation und Frühgeburt, wurde aber bei PE nie direkt gemessen.
  • Bis prospektive Studien mit validierten Assays und kombinierten Biomarker-Panels vorliegen, bleibt der klinische Nutzen dieser Parameter bei PE unklar.

4. Zusammenfassung

  • Die Evidenz für einen direkten Zusammenhang zwischen PE und pathologischen Darmpermeabilitätswerten ist beim Menschen inkonsistent und methodisch limitiert.
  • Serum-Zonulin ist der am häufigsten untersuchte Parameter, doch die Studien zeigen widersprüchliche Richtungen.
  • Diese sind teilweise auf Validitätsprobleme der kommerziellen ELISA-Kits zurückzuführen.
  • LBP war bei PE erniedrigt, i-FABP zeigte nur einen nicht-signifikanten Trend.
  • sCD14 sowie fäkales Zonulin wurden bei PE bisher nicht direkt gemessen.
  • Tierexperimentelle Daten unterstützen jedoch mechanistisch eine PE-assoziierte Barrierestörung.

5. Quellen

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  • Zambella, E., Peruffo, B., Guarano, A., Inversetti, A., & Di Simone, N. (2024). The Hidden Relationship between Intestinal Microbiota and Immunological Modifications in Preeclampsia Pathogenesis. International Journal of Molecular Sciences, 25. https://doi.org/10.3390/ijms251810099
  • Zhao, Y., Wang, B., Wei, X., Liu, D., Wang, R., Xie, S., Qiao, Z., Cui, D., Hou, S.-H., & Zhang, H. (2025). Impact of Gut Microbiota Dysbiosis on Intestinal Barrier Integrity and Systemic Inflammation in a Pre-Eclampsia Mouse Model. Microbial pathogenesis, 108053. https://doi.org/10.1016/j.micpath.2025.108053

Top Contributors

  • R. Shivakoti: 2 Papers
  • Y. Turgunov: 2 Papers
  • L. Lv: 2 Papers
  • Journal Frontiers in Immunology: 2 Papers
  • Journal Gut: 2 Papers
  • Journal Diagnostics: 2 Papers
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