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Worum geht es?
- Rachitis ist die klassische Folge von Vitamin-D-Mangel bei Kindern.
- Die Knochen werden weich und verformen sich.
- Seit über 100 Jahren ist bekannt, wie man sie verhindert.
Warum ist das heute noch wichtig?
- Rund 60 % der Erwachsenen in Deutschland haben zu wenig Vitamin D.
- Die Prophylaxe endet meist nach dem ersten Lebensjahr.
- Leichte Mangelzeichen werden oft nicht erkannt.
Woran erkennt man einen Mangel?
- Weicher Hinterkopf beim Säugling (Kraniotabes)
- Verbogene Beine und schiefe Wirbelsäule
- Muskelschwäche und Zahnschmelzdefekte
Was folgt daraus?
- Vitamin-D-Mangel muss gezielt gesucht werden.
- Ein Laborwert (25-OH-D) schafft Klarheit.
- Vorbeugung ist einfach, billig und seit 1919 bewährt.
Rachitis als Zeichen des Vitamin-D-Mangels – eine Parabel über medizinisches Vergessen
1. Fragestellung
- Rachitis gilt in Deutschland als besiegt.
- Ist damit auch der Vitamin-D-Mangel verschwunden?
- Welche Lehren zieht man aus 350 Jahren Rachitis-Geschichte?
2. Methoden
- Narrative Übersicht zur Geschichte der Rachitis.
- Ergänzt um aktuelle Daten zum Vitamin-D-Status in Deutschland.
- Einbezogen wurden historische Übersichten, Konsensus-Empfehlungen und klinische Studien.
3. Ergebnisse
- Die Geschichte der Rachitis lässt sich in fünf Phasen gliedern.
| Phase | Zeitraum | Kernaussage |
|---|---|---|
| Beobachtung | 17. Jahrhundert | Whistler (1645) und Glisson (1650) beschreiben die Skelettverformungen bei Stadtkindern. |
| Epidemie | 18.–19. Jahrhundert | Industrialisierung, Smog und Lichtmangel lassen die Rachitis explodieren. |
| Heilung | 1919–1930er Jahre | Huldschinsky heilt 1919 mit UV-Licht. McCollum benennt 1922 das Vitamin D. Windaus erhält 1928 den Nobelpreis. |
| Prophylaxe | ab 1930er Jahre | Lebertran und Vitamin-D-Präparate (Vigantol ab 1927) verdrängen die schwere Rachitis. |
| Vergessen | 1970er Jahre bis heute | Die Prophylaxe endet nach dem ersten Lebensjahr. Danach wird der Mangel kaum noch gesucht. |
Vitamin-D-Status heute
- Die RKI-Studie DEGS1 untersuchte knapp 7.000 Erwachsene.
- Rund 60 % lagen unter 50 nmol/l (20 ng/ml).
- Im Winter ist der Anteil deutlich höher.
Kraniotabes als frühes Zeichen
- Der weiche Hinterkopf beim Neugeborenen galt lange als harmlos.
- In Kyoto fand man ihn bei 22 % von 1.120 gesunden Neugeborenen.
- Die Häufigkeit schwankte deutlich mit der Jahreszeit.
- Bei gestillten Kindern mit Kraniotabes lag das 25-OH-D oft unter 10 ng/ml.
- Die Autoren deuten Kraniotabes als frühestes Zeichen eines Mangels im Mutterleib.
Weitere Mangelzeichen
- Verbogene Beine (O- oder X-Beine)
- Skoliose und Thoraxdeformitäten
- Muskelschwäche und verzögerte motorische Entwicklung
- Zahnschmelzdefekte
- Diese Zeichen werden häufig nicht als Vitamin-D-Mangel erkannt.
4. Zusammenfassung
- Die schwere Rachitis ist selten geworden.
- Der Vitamin-D-Mangel dagegen ist weit verbreitet.
- Die Prophylaxe schützt nur das erste Lebensjahr.
- Kinder, Schwangere und Erwachsene bleiben meist ungeschützt.
- Leichte Mangelformen fallen klinisch kaum auf.
- Sie werden deshalb selten diagnostiziert.
- Die Lösung ist seit über 100 Jahren bekannt.
- Eine Krankheit verschwindet nicht dadurch, dass man aufhört, sie zu diagnostizieren.
5. Quellen
- Rajakumar K. Vitamin D, cod-liver oil, sunlight, and rickets: a historical perspective. Pediatrics. 2003;112(2):e132-5. PubMed 12897318
- Bouillon R, Antonio L. Nutritional rickets: Historic overview and plan for worldwide eradication. J Steroid Biochem Mol Biol. 2020;198:105563. PubMed 31809867
- Munns CF, Shaw N, Kiely M, et al. Global Consensus Recommendations on Prevention and Management of Nutritional Rickets. J Clin Endocrinol Metab. 2016;101(2):394-415. PubMed 26741135
- Rabenberg M, Scheidt-Nave C, Busch MA, et al. Vitamin D status among adults in Germany – results from DEGS1. BMC Public Health. 2015;15:641. PubMed 26162848
- Yorifuji J, Yorifuji T, Tachibana K, et al. Craniotabes in normal newborns: the earliest sign of subclinical vitamin D deficiency. J Clin Endocrinol Metab. 2008;93(5):1784-8. PubMed 18270256
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