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Entstehung und Zusammenhang mit Vitamin-D-Mangel
Die Industrialisierung als Katalysator
Mit der Industriellen Revolution explodierte die Rachitis förmlich. In den Industriestädten Englands, Deutschlands und der Niederlande wuchsen Kinder unter Bedingungen auf, die für ihre Knochen katastrophal waren:
- Dichte Rauchschwaden aus Fabriken und Kohleöfen filterten das UV-B-Licht aus dem Sonnenlicht.
- Enge Hinterhofwohnungen hatten keine direkte Sonneneinstrahlung.
- Durch Kinderarbeit in Fabriken und Bergwerken verbrachten Kinder den gesamten Tag unter Tage oder in fensterlosen Hallen.
- Hinzu kam Mangelernährung ohne natürliche Vitamin-D-Quellen wie fettreichen Fisch.
Die „Englische Krankheit“ – Rachitis in der Industrialisierung
- Die Rachitis wurde zur „Englischen Krankheit“ (Morbus Anglicus) – nicht weil sie nur in England vorkam, sondern weil sie dort durch die frühe Industrialisierung besonders verbreitet war.
- In manchen Stadtbezirken waren bis zu 80–90 % der Kinder betroffen.
- Die Folgen reichten weit über die Kindheit hinaus: Frauen, die als Mädchen eine Rachitis durchgemacht hatten, hatten ein deformiertes Becken, was Geburten lebensgefährlich machte.
- Ein generationenübergreifender Kreislauf aus Mangel und Leid entstand.
Der Durchbruch durch Lebertran
- Lange bevor die Wissenschaft den Mechanismus verstand, fanden Volksmedizin und praktische Ärzte die Lösung.
- In den Küstenregionen Norwegens und Schottlands war seit Generationen bekannt, dass Lebertran – das Öl aus der Leber von Kabeljau und Dorsch – Kinder vor der Knochenkrankheit schützte.
- Der deutsche Arzt Daniel Whistler hatte bereits 1645 Lebertran als Heilmittel erwähnt. Doch erst im 19. Jahrhundert begann die systematische Anwendung.
- Es funktionierte zuverlässig – ohne dass jemand erklären konnte, warum. Lebertran enthält, wie wir heute wissen, große Mengen an Vitamin D3 – dem Sonnenvitamin, das in der lichtarmen Umgebung der Industriestädte nicht in der Haut gebildet werden konnte.
Das Experiment von Dr. Karl Huldschinsky
- Ein Wendepunkt in der Geschichte der Rachitis war das bahnbrechende Experiment des Berliner Kinderarztes Dr. Karl Huldschinsky.
- Im Winter 1918/1919 – mitten in den Entbehrungen der Nachkriegszeit – bestrahlte er rachitische Kinder mit einer künstlichen Höhensonne, einer Quecksilberdampflampe, die UV-Licht erzeugt.
- Die Ergebnisse waren spektakulär: Die kalkarmen, durchlässigen Knochen begannen sich zu mineralisieren. Die verschwommenen Epiphysenzonen im Röntgenbild schärften sich. Die Kinder wurden kräftiger, die Verformungen besserten sich.
- Huldschinsky hatte den direkten Beweis erbracht, dass Licht – genauer: ultraviolettes Licht – Rachitis heilen kann.
- Dieses Experiment legte den Grundstein für die spätere Erkenntnis, dass der Körper unter UV-B-Strahlung in der Haut Vitamin D selbst herstellt – eine Erkenntnis, die die Rachitisforschung für immer veränderte.
Die Entdeckung des Vitamin D
- In den 1920er Jahren identifizierten Forscher schließlich den Wirkstoff, der sowohl im Lebertran als auch durch Sonnenlicht entstand.
- Der amerikanische Biochemiker Elmer McCollum nannte ihn Vitamin D – als viertes entdecktes Vitamin nach A, B und C.
- Parallel dazu entdeckte der Biochemiker Adolf Windaus in Deutschland die chemische Struktur der Vitamin-D-Vorstufen.
Adolf Windaus (1876–1959)
- Der deutsche Chemiker Adolf Windaus erhielt 1928 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten über die Konstitution der Sterine und deren Verbindung mit Vitaminen.
- Er entdeckte, dass Vitamin D eine Gruppe von fettlöslichen Verbindungen ist, die für die Aufnahme von Kalzium und Phosphat im Körper entscheidend sind.
- Seine Forschung legte den Grundstein dafür, die Knochenkrankheit Rachitis ursächlich zu behandeln und zu beenden.
- Nun war klar: Rachitis ist keine Infektion, keine genetische Störung und kein Schicksal – sondern die Folge eines Hormonmangels, der durch Sonnenlicht oder gezielte Supplementierung behoben werden kann.
Die weitere Entwicklung nach der Entdeckung
- 1913 – Der Weg zu den „vitalen“ Stoffen begann. Das erste entdeckte Vitamin erhielt den Buchstaben „A“. Vitamin D war nach B und C erst das vierte Vitamin.
- 1928 – Nobelpreis an Adolf Windaus für die Entdeckung des Vitamin D.
- 1950 – Nobelpreis an Tadeus Reichstein für die Entdeckung von Cortison, dem ersten biologischen Steroidhormon. Die enge strukturelle Verwandtschaft zu Vitamin D konnte man zunächst nicht erklären.
- 1962 – Nobelpreis an Watson und Crick für die Entdeckung der DNA-Struktur. Erst dadurch wurde verständlich, dass Steroidhormone wie Cortison und das „aktive Vitamin D“ als „Generäle der DNA“ wirken.
- 1971 – Prof. Dr. Michael F. Holick identifizierte die aktive Form des Vitamin D und machte dessen hormonelle Wirkung sichtbar.
Vom Vitamin-D-Mangel zur hormonellen Regulation
- Es dauerte also 43 Jahre von der Entdeckung des Vitamin D bis zum Verständnis seiner genetischen Regulation.
- Und nochmals 40 weitere Jahre, bis Dr. von Helden 2011 das Syndrom des akuten Vitamin-D-Mangels beschrieb.
- Heute wissen wir: Vitamin D ist unsere Bio-Antenne für die Jahreszeiten –
- Das Sonnenhormon steuert, wann der Körper in den energiesparenden Wintermodus wechselt und wann er wieder in den aktiven Sommermodus geht.
Die Ära der Prophylaxe
Mit der Identifikation von Vitamin D begann die systematische Rachitisprophylaxe. In vielen Ländern wurden Programme eingeführt:
- Lebertran-Gabe an Säuglinge und Kleinkinder wurde zum Standard.
- Vitamin-D-angereicherte Milch wurde in den USA eingeführt.
- Vitamin-D-Tropfen, meist 400–500 I.E. täglich, wurden für Säuglinge empfohlen.
Die schwere, klassische Rachitis mit massiven Skelettverformungen ging daraufhin drastisch zurück. In der medizinischen Wahrnehmung galt die Rachitis als „besiegt“ – eine Einschätzung, die sich als verhängnisvoll erweisen sollte.
Das große Vergessen – von den 1970er Jahren bis heute
Hier beginnt das tragischste Kapitel der Rachitisgeschichte. Mit dem Rückgang der schweren Rachitisfälle schwand das Bewusstsein für den Vitamin-D-Mangel insgesamt. Gleichzeitig setzte eine gesellschaftliche Entwicklung ein, die den Vitamin-D-Mangel erneut begünstigte:
- Sonnenschutz-Kampagnen warnten pauschal vor Sonnenlicht und empfahlen ganzjährige Verwendung von Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor.
- Durch die veränderte Lebensweise verbrachten Kinder zunehmend ihre Zeit in geschlossenen Räumen vor Bildschirmen statt draußen.
- Menschen aus südlichen Ländern mit dunkler Hautpigmentierung zogen in nördliche Breiten, wo ihre Haut nicht genügend UV-B-Licht aufnehmen konnte.
- Die Dosierungsempfehlungen von 400–800 I.E. pro Tag wurden seit den 1960er Jahren nicht mehr an neue Erkenntnisse angepasst.
Die Folge: Der schwere, klassische Vitamin-D-Mangel war zwar seltener geworden – aber der moderate und subklinische Mangel breitete sich epidemisch aus, ohne erkannt zu werden. Die Rachitis verschwand nicht – sie wurde nur unsichtbar, weil die milderen Formen nicht mehr als solche diagnostiziert wurden.
... Privat-Institut-VitaminDelta